Vom Kratzen an der Oberfläche – Wie Geowissenschaften den eigenen Horizont erweitern

Online seit 12. Februar 2008 | Von Lutz Geißler

Im Frühsommer 2007 überkam mich die Schreiblaune und ich ließ mich etwas über die Rolle der Geowissenschaften aus materieller sowie leicht philosophischer Sicht aus. Der Text liest sich für mich mittlerweile etwas angestaubt und einiges würde ich nun anders formulieren.

Trotzdem möchte ich den Text nicht vorenthalten und so folgt er auch schon im nächsten Absatz. Der Text erschien damals in der Studentenzeitung der TU Bergakademie Freiberg (Seite 18).

Millionen und Milliarden Jahre - mit menschlichen Sinnen nicht greifbar“Die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört der Erde” – dieser Ausspruch stammt von See-at-la (1786 – 1866), dem Häuptling der Suquamish- und Duwamish-Indianer, die an der nordwestlichen Pazifikküste der USA lebten. Er verdeutlicht die Problematik, mit der der Mensch besonders in den letzten Jahrhunderten zu kämpfen hatte und auch heute noch hat: die Technisierung und die damit verbundene Abkopplung vom “natürlichen” Lebensrhythmus lässt in uns Menschen oftmals ein Gefühl von Überlegenheit gegenüber jeder anderen Lebe- und Nichtlebewelt entstehen. Gleichzeitig wird dadurch der eigene Denkprozess über die Welt um uns geschwächt. Wie verheerend solch eine Denkweise sein kann, zeigt zum Beispiel die Tatsache, dass täglich mehrere Tier- und Pflanzenarten durch Menschenhand aussterben. Das Bewusstsein über das Verhältnis Mensch zu Planet Erde und damit auch die Fähigkeit des Einzelnen, konstruktiv und bewusst zu handeln, nimmt rapide ab. In den vergangenen Jahrzehnten war zwar vor allem im europäischen Raum ein schrittweises Umdenken hin zu Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu verzeichnen. Doch obwohl heute nahezu jeder etwas mit den eben genannten Begriffen verbindet, besteht mehrheitlich kaum das tiefe Bewusstsein über die Relation Erde-Mensch oder gar die Fähigkeit, über die Erde als unseren Lebensraum aus eigenem Interesse nachzudenken. Dies aber ist nicht nur die wesentlichste Voraussetzung für eine Zukunft der Spezies Mensch, sondern bietet selten ausgesprochene Möglichkeiten, den eigenen Horizont zu erweitern, die eigene Lebensweise zu finden oder gar das eigene Weltbild zu formen. Es mag zunächst vermessen klingen, doch kaum ein anderer Wissenschaftszweig als die Geowissenschaften ist für solch eine umfassende und zugleich allgemeingültige Bildung besser geeignet. Einige Gründe für diese Behauptung sollen im Folgenden dargelegt werden.Die Beschäftigung mit Geowissenschaften – und seien es scheinbar noch so oberflächliche Themen – eröffnet einen unglaublich breiten Horizont an möglichen Fragen, Erkenntnissen und Bewusstsein. Geowissenschaften vermitteln einen Eindruck von Zeit und Dimensionen. Die Maßstäbe verschieben sich unweigerlich, wenn man sich die Größe der Erde verdeutlicht. Wir leben auf der dünnen Kruste einer über 12.000 Kilometer dicken “Kugel”, von der wir, außer ihrer Oberfläche, im Prinzip nichts tatsächlich in den Händen halten und beobachten können. Vergleicht man die Erde mit einem Apfel, so haben wir es noch nicht einmal geschafft, die Schale zu durchbohren, um an Informationen zu gelangen. Wir leben auf einem unsagbar kleinen Teil der Erde – nicht nur, weil sie zu großen Teilen vom Meer bedeckt ist, sondern weil der Mensch bisher nicht weiter als 12 Kilometer ins Erdinnere vorgedrungen ist. Wir kratzen also (auch generell gesehen) nur an der Oberfläche…

Betrachten wir uns geologische Zeiträume, können wir gedanklich eigentlich gar nicht fassen, was 4.500.000.000 Jahre bedeuten. Noch erschreckender wird es, wenn wir uns bewusst machen, dass wir (der Homo sapiens) erst seit einigen tausend Jahren existieren. Selbst wenn wir die gesamte Menschheitsgeschichte betrachten, kommen wir gerade einmal auf zweieinhalb Millionen Jahre. Ein scheinbar beträchtliches Alter, aber angesichts von viereinhalb Milliarden Jahren Erdgeschichte fallen wir überhaupt nicht auf. Selbst wenn wir einigen Kritikern der Millionen- und Milliarden-Zeitskalen Recht geben und alle erdgeschichtlichen Ereignisse entsprechend in den Bereich von zehntausender Jahren herunterskalieren würden, wäre der Mensch nur ein unauffälliges und kurzes Ereignis. Würden wir beide Arme ausstrecken und deren gesamte Länge mit der bisherigen Erdgeschichte gleichsetzen, so wäre die Existenz der Menschen noch nicht einmal so lang wie ein Millimeter unseres Fingernagels. Betrachten wir aktuelle geologische Ereignisse, wird auch dort die Dimension von Zeit deutlich. So bewegen sich beispielsweise Europa und Amerika auf den Kontinentalplatten ungefähr so schnell voneinander weg, wie unsere Fingernägel wachsen.

Die Erdgeschichte war geprägt vom Auf- und Niedergang von Abermillionen Lebewesen, aus denen auch wir entsprungen sind. Ein wesentlicher Teil dieser Evolution ist das natürliche Aussterben, das anderen Lebewesen – und damit auch den Säugetieren – die Chance zur Weiterentwicklung gab. Der Mensch ist demnach eines unter vielen anderen Lebewesen und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit, wenn nicht durch sich selbst, dann doch zumindest auf natürlichem, evolutionärem Wege aussterben. Dieser, auf den ersten Blick, erschreckende Fakt ist eine unumgängliche Konsequenz aus der bisherigen Erdgeschichte.

Schon die bisher genannten Punkte verdeutlichen, wie unbedeutend der Mensch im Vergleich zu seiner zeitlichen und räumlichen Umgebung ist. Sicher, der Mensch nimmt in seinen Fähigkeiten eine herausragende Stellung ein, doch in seiner Gesamtheit ist er Teil eines viel größeren und von ihm kaum zu beeinflussenden Systems aus Zeit und Raum. Die Geowissenschaften sind die einzige Fachrichtung, die uns eine solch umfassende Einordnung unser selbst ermöglicht. Andere Naturwissenschaften wie Physik oder Chemie können einzelne “philosophische” Gebiete abdecken, aber die Möglichkeit einer “Allround-Betrachtung” des eigenen Lebens im eher philosophischen Kontext ist wohl eine Besonderheit der Geowissenschaften. Allein das Wissen um die bereits beschriebenen Dimensionsunterschiede zwischen Mensch und Erde sowohl in Lebenszeit und Größe können zu deutlich mehr Gelassen- und Bescheidenheit führen. Die in diesem Zusammenhang offensichtliche Bedeutungslosigkeit unserer selbst schafft Raum für neue Sichtweisen und eine philosophische Interpretation des eigenen Lebenssinns.

Neben den stark philosophisch auslegbaren Bereichen bieten die Geowissenschaften auch “lebensnähere” bzw. praktischere Gründe, die ihr einen allgemein bildenden Charakter verleihen und das Prinzip Nachhaltigkeit als unausweichliche Konsequenz im alltäglichen Denkprozess fördern.

Die Frage nach der stofflichen Herkunft alltäglicher Dinge wie Autos, Glas, Papier, Kunststoff oder Farbe endet bei den Befragten oftmals mit Schulterzucken. Dabei ist die Antwort so nahe liegend: Minerale, Gesteine und viele andere Stoffe unserer Erde. Das Schulterzucken mag einen geowissenschaftlich Interessierten sehr verwundern, doch es ist eine Konsequenz aus dem fehlenden Bewusstsein für unsere Heimat Erde. Wo sonst sollten wir unsere zum Leben notwendigen Dinge hernehmen, wenn nicht von der Erde? Seit es den Mensch gibt, ernährt er sich wie jedes andere Lebewesen auch. Grundlage für unser und deren Wachstum sind mineralische Nährstoffe, die aus den Gesteinen der Erde stammen. Bereits als Jäger und Sammler machten sich die Menschen Gesteine als Waffen zu Nutze. Später stellten sie aus bestimmten Mineralen Metalle her und heute gibt es fast kein Mineral oder Gestein mehr, das nicht zu irgendeinem Zweck von uns verwendet werden würde. Sei es Naturstein wie Granit zur Dekoration und Verkleidung von Häusern, seien es Stein- und Kalisalz für die Lebens- und Düngemittelproduktion oder Quarzsand zur Glasherstellung. Ganz zu schweigen von Metallrohstoffen, die beispielsweise für die Fahrzeug- und Bauindustrie verwendet werden oder Energierohstoffe für eine Welt, deren Energiehunger stets wächst – nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden Technisierung auf Grundlage von Computerchips, deren wichtigstes Ausgangsprodukt das Mineral Quarz ist. Alles – und sei es scheinbar noch so naturfremd und technisch – steht in mehr oder weniger direkter Verbindung mit der Erde, denn aus ihr ist es entstanden. Diese sehr einfache und äußerst logische Aussage gilt es zu vermitteln, denn nur daraus kann sich eine wichtige Konsequenz entwickeln: alles auf der Erde ist endlich. Wenn wir uns diese Konsequenz erst an der Tankstelle oder im Supermarkt wegen erhöhter Preise ins Gedächtnis rufen, ist es deutlich zu spät. Kein Rohstoff währt ewig. Und wenn wir Menschen auch in 1.000 Jahren noch leben möchten, dann müssen wir uns Gedanken über unsere Erde machen. Andersherum funktioniert es nicht. Die Erde kommt auch ohne uns zurecht.

Ein weiterer wesentlicher Grund, sich mit unserem Planeten zu befassen liegt auf der Hand: Naturkatastrophen. Nur wenn wir wissen, wie sich unsere Erde über die Jahrmillionen entwickelt hat, welche Katastrophen schon stattgefunden haben und wie die Prozesse auf und in der Erde ablaufen, die zu Katastrophen führen, können wir warnen, womöglich uns selbst schützen und die noch bevorstehenden Gefahren einschätzen.

Die gesamte in diesem Text kurz beschriebene Thematik ließe sich in buchfüllender Art und Weise weiter ausdehnen. Die Kernaussagen blieben trotzdem dieselben und sind von solcher Einfachheit, dass die breite Unkenntnis vieler Menschen darüber Anlass gibt, auf jedem möglichen Wege für die Geowissenschaften zu interessieren und das eigentlich Alltägliche wirklich Alltag werden zu lassen. Aus diesem Grund seien die Kernaussagen nochmals genannt:

1. Die Erde ist unglaublich viel größer und älter als die Menschheit. Der Mensch ist, in Raum- und Zeitdimensionen der Erde betrachtet, nicht existent.
2. Die Erde ist die einzige Grundlage unseres Lebens. Alles in unserem Alltag lässt sich auf sie zurückführen.
3. Alles auf der Erde ist endlich.
4. Die Erde kommt auch ohne uns zurecht.

Die Geowissenschaften befassen sich mit der Grundlage unseres Lebens, der Erde. Gleichzeitig und genau aus diesem Grund bieten sie eine Fülle von Möglichkeiten, aus sich selbst heraus eine nachhaltige Lebenseinstellung zu finden und vor allem das Bewusstsein und die Faszination dafür zu schärfen, dass die Erde nicht uns Menschen gehört, sondern wir ein äußerst kurzer, wenn auch in gewisser Hinsicht bedeutender Teil ihrer Geschichte sind.

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2 Anmerkungen zu diesem Beitrag

  1. Hans Eckhard Offhaus schrieb am 24. März 2010 um 20:45 Uhr :

    Ihre Darlegungen kann ich vollinhaltlich nachvollziehen und bestätigen.
    Über viele Jahre fand ich die Zeit, mich selbst mit geologischen Grundlagen auseinander setzen zu können, dabei gelangte ich zu ähnlichen bzw. gleichen Überlegungen.
    Die Erkenntnisse, die ich aus meinen Untersuchungen ableiten durfte, erfüllen mich mit tiefer Zufriedenheit und Stolz, dafür bin ich sehr dankbar.
    Die gedankliche Auseinandersetzung mit der Geologie führt zwagsläufig zur ehrfurchtsvollen Verneigung vor der Schönheit, Einmaligkeit,Vollkommen- und Differenziertheit, Zartheit und Verletzlichkeit der Erde, die unsere einzige Existenzgrundlage bildet.
    Ob wir Menschen die dargebotenen Geschenke der Natur mit der notwendigen Dankbarkeit, Demut und Achtung entgegen nehmen und bewahren, wird sich wohl erst zukünftig erweisen. Einstweilig sind Zweifel daran angebracht.
    Zwischenzeitlich dürfen wir uns über die Geologie freuen, die in der Lage ist, alle Erkenntnisse der Naturwissenschaften aufzunehmen und bessere Eisichten auf unsere Lebensgrundlage “Erde” zu ermöglichen.
    Es wäre sehr wünschenswert, wenn dieses nachhaltig zum Wohle der Menschheit geschehen würde.

  2. Lutz Geißler schrieb am 24. März 2010 um 21:11 Uhr :

    Lieber Herr Offhaus,

    vielen Dank für die ehrlichen Worte. Dem kann ich nur vollstens zustimmen!

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