Wie sich die Bilder gleichen – Sammlungsverkäufe in den USA

Online seit 24. März 2008 | Von Lutz Geißler

Analyse und Kommentar von Karl-Heinz-Russ.

Karl-Heinz Russ lebt in Brooktondale (New York, USA) und ist Editor des wissenschaftlichen Journals der “Fluorescent Mineral Society“.

Es passiert nicht nur in Deutschland – Mineralverkäufe in Museen (Kirnbauer, 2005) – genau dieselben Vorgänge finden in den USA statt. Im Speziellen geht es – ähnlich wie bei der deutschen Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft – um eine altehrwürdige Institution: die Philadelphia Academy of Natural Sciences.

Die Gesellschaft wurde 1812, also einige Jahre früher als die Senckenbergische, gegründet und bezeichnet sich selbst als “die älteste Institution dieser Art in der westlichen Hemisphäre”. Obwohl die mineralogische Sammlung der Philadelphia Academy seit über 25 Jahren ohne einen bezahlten Kurator auskommen musste und von Angestellten aus der Verwaltung “betreut” wurde, hat sie die erlittene Vernachlässigung einigermaßen überstanden und nicht das selbe schmähliche Ende wie andere Sammlungen gefunden, die von “unwissenden Bürokraten zu Grunde gerichtet wurden” (Nikischer, 2004). Doch im Jahr 2005 drohte das endgültige Aus, nachdem das Kuratorium beschloss, die mineralogische Sammlung zu veräußern. Vermutlich war die Aussicht auf fünf Millionen Dollar Verkaufserlös ausschlaggebend. Das ist der von einem Schätzer ermittelte Betrag, der gerüchteweise umging. Verwunderlich stimmt allerdings, dass dieser Schätzer gleichzeitig auch als Verkäufer auftreten sollte (Nikischer, 2004). Haben die Philadelphia-Direktoren von den Senckenbergischen “gelernt” oder war es umgekehrt (Kirnbauer, 2005)?

Was nun in den USA die Fachwelt besonders erregte, war der Plan der Leitung der Academy, alle Stücke einzeln via Auktion (z.B. eBay) zu verkaufen. Viele Appelle bekannter und einflussreicher Personen an den Präsidenten und andere Führungskräfte der Academy verhallten unbeantwortet (Nikischer, 2005). Offenbar wurde angenommen, das Problem und den offensichtlichen Protest tot schweigen zu können.

Seit es Museen gibt, ist es nicht ungewöhnlich, dass diese untereinander und mit Sammlern Kauf- und Tauschgeschäfte abschließen – üblicherweise mit Duplikat-Stufen. Wenn jedoch ganze Schenkungen verkauft werden sollen, kann ohne Zweifel von einem Skandal gesprochen werden – zumal einige dieser Stiftungen bis in die 1850er Jahre zurückreichen und von namhaften Forschern wie George Vaux, Samuel Gordon und Edgar Wherry angelegt wurden. Solches Material ist unwiederbringlich für die Allgemeinheit verloren und in alle Winde zerstreut – ganz besonders, wenn die Stücke, wie damals geplant, einzeln angeboten werden sollen.

Bei all dem steht jedoch die Frage im Raum, ob die Academy überhaupt zum Verkauf berechtigt ist. Die damaligen Schenkungen waren an Bedingungen geknüpft, welche vom Museum akzeptiert werden mussten, um das Material übereignet zu bekommen. Zusätzlich kamen auch größere Geldbeträge mit den Mineralen, um für deren Pflege zu sorgen. Außerdem besteht für die Academy (wie für andere Museen auch) Steuerfreiheit, die ebenfalls mit

Bedingungen verbunden ist, welche den Verkauf von Material beeinflussen könnten (Nikischer, 2004). Der Leitung der Academy wurde auch vorgehalten, die Sammlungen nicht zuerst anderen Museen angeboten zu haben. Unter Umständen hätten dann zumindest die historisch wichtigen und unersetzlichen Stufen zusammengehalten werden können. Die meisten der historischen Minerale stammen von Fundorten, die längst nicht mehr bestehen oder keine Funde mehr hergeben.

Allerdings gibt es auch eine andere Betrachtungsweise: es könnte unter Umständen von Vorteil sein, wenn kundige Privatsammler diese Minerale erwerben und dafür Sorge tragen, dass sie den Lauf der Zeit überdauern (Currier, 2005). Die Academy in Philadelphia hatte keine Pläne, irgendwelche Stufen öffentlich auszustellen. Die Sammler können noch so viele mahnende Briefe an die Museumsdirektoren verfassen. Es ist nicht möglich, die Verantwortlichen zu zwingen, einen Kurator einzustellen und Raum sowie Geld für öffentliche Ausstellungen bereitzuhalten. Es würde darauf hinauslaufen, das Museum zu bitten, “Zahnpasta in die Tube zurückzudrücken” (“to put toothpaste back in a tube”; Currier, 2005). Im besten Fall, so scheint es, hätten die Sammler mit ihrem Protest einen Verkaufsstopp erreichen können. Doch wäre das wirklich erstrebenswert? Die Sammlung würde in irgendeinem Keller verkommen, Feuchte im Laufe der Jahre die Schubladen ruinieren und letztendlich bräche alles zusammen. Die Kristallstufen würden zerstört, falls sie nicht bereits eher abhanden kommen (Currier, 2005). Die mineralogischen Sammlungen der Academy befinden sich seit langem im Kühlraum eines Warenhauses. Das bedeutet, dass die Stücke – bis auf wenige Ausnahmen – nie öffentlich ausgestellt wurden und werden. Von diesem Gesichtspunkt her betrachtet, macht es kaum einen Unterschied, ob die Sammlung verkauft wird oder nicht. Die Öffentlichkeit sieht die Stufen so oder so nicht. Auf der Website des Museums wird die Mineraliensammlung nicht (mehr) erwähnt.

Die Zeiten haben sich geändert und die Museen müssen sich dem Trend anpassen – man denke nur an das Fehlen von Mineralogie-Kursen an vielen öffentlichen Schulen und Universitäten (Currier, 2005). Dieser Zustand hat bereits Auswirkungen in mindestens einem Fall: 2004 beendeten nur 86 Bergbau-Ingenieure das Studium in den USA, obwohl etwa 300 Absolventen pro Jahr innerhalb der nächsten 12 Jahre nötig wären, nur um diejenigen zu ersetzen, die in Rente gehen (Wilson, Moore, 2005).

Vielleicht ist es unfair, die Academy zu kritisieren, nachdem auch andere vermeintliche “Häuser von Wissen und Historie” ihre Sammlungen veräußerten. Aber mineralogisches Material aus den USA vor 1860 ist einzigartig. Und so macht keinen Unterschied, ob die Academy Sammlungsstücke, ein Kunstmuseum einen DaVinci oder eine Bücherei eine Gutenberg-Bibel verkauft, um den Erlös anderweitig zu verwenden (Goldstein, 2005).

Der Zweck eines öffentlichen Museums sollte sein, Artefakte dem Publikum in ansprechender Weise zu präsentieren. Aber in den vergangenen 25 Jahren glaubten viele naturhistorische Museen sich einem Trend anpassen zu müssen, der vom einfachen Ausstellen zu eher erzieherischen und populären Präsentationen tendiert. Solch ein Trend wertet die eigentlichen natürlichen Objekte ab und ersetzt diese mit künstlich erzeugtem “Media-Erlebnis” (Smith, 2004). Mit der Konzentration auf solche pädagogischen Lehrmittel kam die Idee, dass Ausstellungen schließlich überhaupt keine Artefakte mehr bräuchten. Weshalb einen Brocken Lava ausstellen, wenn man einen Ausbruch des Kilauea-Vulkans im Film zeigen kann? Die Antwort: Weil ein Museum ein Ort ist, an dem Zivilisationen ihre Schätze aufbewahren und weil die Menschheit immer dafür sorgte, dass wichtige Artefakte gut geschützt wurden.

Etwa im Jahr 2003 verlor das Denver Museum of Nature and Science viele Kuratoren. Nun sind ganze Abteilungen ohne ausgebildete Vollzeitkräfte. Was wird mit den Sammlungen dieser Departments passieren? Genau dasselbe, was mit tausenden von Sammlungen geschah, die über die Jahre an Universitäten und Museen vermacht wurden: sie werden vergessen, verloren, bei schlechter Aufbewahrung ruiniert, veruntreut (wie an der Yale University), geplündert, gestohlen und weggeworfen (Smith, 2004). Wird wohl die Rhodochrosit-Wand im Denver Museum demnächst abmontiert und durch eine “modernere” Präsentation ersetzt? Was wird aus der weltbekannten Breckenridge Gold-Sammlung? Ohne Kuratoren wäre es wohl besser, die Sammlungen zu verkaufen. Ein Privatsammler der sein eigenes Geld für eine Stufe ausgibt, wird sehr gut darauf aufpassen (Smith, 2004).

In der Philadelphia Academy ist nicht nur die mineralogische Sammlung bedroht. Auch die bedeutende historische Sammlung der Ornithologie, die bis Audubon zurückgeht, verlor Kuratoren und muss nun erstmals seit 200 Jahren ohne einen leitenden Forscher auskommen (Sheldon, 2005). Frühere Vorgänge am Museum legen die Vermutung nahe, dass der Wegfall eines Kurators die entsprechende Sammlung in Vergessenheit geraten lässt Das könnte nun auch auf die Ornithologie zutreffen (LaPolla, 2005). Präsident James Baker scheint den Zweck, den die Academy erfüllen sollte, nicht zu begreifen. Seine Vision für das Institut lässt das Schlimmste befürchten. Bestrebungen, die Academy auf Forschungsthemen auszurichten, die nicht an Sammlungen gebunden sind, erscheinen fehlgeleitet und können Einfluss auf andere Museen haben (LaPolla, 2005). Die Situation an der Philadelphia Academy ist kein Einzelfall. Viele andere Sammlungen in Naturhistorischen Museen der USA sind ebenfalls betroffen und in großer Gefahr. Es findet ein Wechsel statt – weg von sammlungsbezogenen hin zu besucherorientierten Themen (Goldstein, 2005). Dieser Trend ist zum Teil verständlich, denn es sind die Besucher eines Museums, die Eintritt bezahlen und damit zumindest etwas zum Budget beitragen.

Mittlerweile (Stand: Ende 2007) wurde die Philadelphia Mineraliensammlung verkauft. Die wohl einzige Ausnahme ist die “Vaux – Collection”. Einige bekannte Mineralienhändler schlossen sich zusammen und erwarben die Sammlungen, wobei jeder beteiligte Händler den Teil der Stücke erhielt, die in sein Spezialgebiet fallen. Dadurch wurde sichergestellt, dass z.B. die alten Funde von Pennsylvania in ein dortiges Museum kommen. Ebenso wurde mit historischen Stufen aus den Gruben um Franklin NJ verfahren. Ein bekannter Händler aus Kalifornien erwarb alle europäischen Funde der Academy in Philadelphia, da er besonders gute Kontakte und Kunden in Europa hat.

Auf mehreren Mineralienbörsen in Amerika (Tucson) und Europa (München) sowie im Internet sind diese alten Stücke inzwischen angeboten und verkauft worden. Die Sammlungen der Philadelphia Academy wurden somit in alle Winde zerstreut. Ein weiteres Kapitel “Mineralogie” ist damit abgeschlossen.

Literatur
Currier, Rock; 2005 ‘Rockhounds Digest’, Webseite, Vol. 6, # 23, November 24

Goldstein, Alan; 2005 ‘Rockhounds Digest’, Webseite, Vol. 6, # 23, November 24

Kirnbauer, Prof. Thomas; 2005 ‘Zur mineralogischen Sammlung des Senckenberg-Museums in Frankfurt a.M.’, Der Aufschluss, Vol. 56, # 3, Mai-Juni

LaPolla, John; 2005 ‘Academy of Sciences: Job Cuts’, in Science, Vol. 307 # 5715, March, Seite 1560

Nikischer, Tony; 2004 ‘Philadelphia Museum Attempts to Liquidate Historic Mineral Collection’, Mineral News, Vol. 20, # 11, November

Nikischer, Tony; 2005 ‘Philadelphia Academy Mineral Collection Update’, Mineral News Vol. 21, # 2, February

Sheldon F.H. et al.; 2005, ‘Academy of Natural Sciences: Job cuts’, in Science, Vol. 307, # 5715, March, Seite 1560, Letter zu Editor

Smith, Bill; 2004, ‘It’s the Artifacts, Stupid!’, Mineralogical Record, Vol. 35, # 2 March-April, Guest Editorial

Wilson W., Moore T.; 2005, ‘Mining Engineer Shortage’, Mineralogical Record, Vol. 36, # 3 May-June, Notes from the Editors

(Hinweis: Dieser Artikel basiert auf einem Manuskript aus dem Jahr 2005.)

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