Geologie – zum Angreifen und Begreifen

Online seit 24. September 2008 | Von Lutz Geißler

Erfahrungen aus 10 Jahren geowissenschaftlicher Bildungsarbeit mit Schülern. Von Dr. Ingomar Fritz.

Dr. Ingomar Fritz ist Leiter des Referates Geologie und Paläontologie am Landesmuseum Joanneum in Österreich, an dem er seit 1989 tätig ist.

Seit 1998 organisiert das Landesmuseum Joanneum Fossiliengrabungen, an denen bisher mehr als 15.000 Schüler teilgenommen haben. Neben der Aufsammlung von Fossilien steht eine vernetzte Vermittlungsarbeit im Mittelpunkt dieser Projekte. Als Museum mit großer naturwissenschaftlicher Tradition wird auch der Bevölkerung die erdgeschichtliche Entwicklung unseres Landes näher gebracht und auf die komplexen Zusammenhänge zwischen geologischen Prozessen, Rohstoffpotential in unserem Lebensumfeld aufmerksam gemacht.

Wie vermittelt man eine Wissenschaft, die in Raum und Zeit denkt, die von Zeiträumen berichtet, die für gewöhnlich unvorstellbar sind, die von längst vergangenen Landschaften spricht, von denen, falls überhaupt, nur die versteinerten Reste erhalten sind und die nur für den speziell ausgebildeten Menschen erkennbar sind? Mit Bildern, und zwar jenen, die in den Köpfen der Betrachter selbst entstehen, durch eigenes Entdecken, Erkennen und gemeinsamer Interpretation.

Schüler in Aktion - immer unter fachkundiger Anleitung

Schüler in Aktion - immer unter fachkundiger Anleitung

Fossiliensuchen erfordert bewusstes Schauen, folgert Erkennen und impliziert Verständnis. Jugendliche lernen so die Arbeitsweisen von Geologen und Paläontologen kennen und auch anwenden. Neben der Gesteinsansprache, der Deutung von geologischen Strukturen und dem Erfassen eines Profils steht auch die Freilegung und Präparation von Fossilien im Mittelpunkt der praktischen Tätigkeit. Betreut werden die Schüler von Fachstudenten und Paläontologen, die auch spezielle Methoden vorführen. Die Gewinnung von Mikrofossilien und das “Miterleben” der zeitaufwändigen Freilegung und Präparation von Wirbeltierfunden gehören neben dem Blick durchs Binokular zu den spektakulären Höhepunkten der Projekte.

Als Schüler einen Halbtag im Dienste der (Erd-) Wissenschaft

Über den Landesschulrat für Steiermark werden die Schulen zu unseren Grabungsprojekten eingeladen, wobei sich die Monate Mai, Juni und September für diese Art von Schulveranstaltungen bewährt haben. An die Schulen wird als Vorbereitung für das Grabungsprojekt eine Projektmappe geschickt. Vorrangig sprechen wir Schüler zwischen 10 und 18 Jahren an. Maximal 50 Schüler, möglichst einer Altersstufe, verbringen gemeinsam mit uns einen Halbtag (Vormittag oder Nachmittag) im Steinbruch, einem Graben, einer Baugrube – einem fossilführenden Aufschluss.

Nach einer kurzen Einführung in die Geologie und Paläontologie suchen die Schüler nach Versteinerungen. Ausgerüstet mit bereitgestelltem Grabungswerkzeug und betreut durch das Grabungsteam entdecken und bergen die Jugendlichen die ersten Fossilien. In einem als Feldlabor eingerichteten Mannschaftszelt werden die versteinerten Reste aus ihrer sedimentären Ummantelung freigelegt, erforderlichenfalls gefestigt und bestimmt. Dabei kommen neben Standardpräparationswerkzeug auch Druckluftstichel und bei Bedarf Gesteinssägen zum Einsatz.

Schüler präsentieren stolz ihre Funde

Schüler präsentieren stolz ihre Funde

Grundsätzlich behalten die Schüler ihre Funde. Wissenschaftlich bedeutende Funde kommen aber in den Sammlungsbestand des Museums. Sensationelle Funde werden gerne auch von den Medien angenommen und so lachen gelegentlich junge Fossilienjäger mit ihren Funden aus Zeitungen.

Wir graben uns durch die Steiermark und hinterlassen Spuren

Seit 1998 (nach 40 Grabungsprojekten) haben mehr als 15.000 Schüler an 13 unterschiedlichen Lokalitäten bei unseren Projekten teilgenommen. Neben historischen Fossilfundpunkten im Neogen des Steirischen Beckens haben wir auch Zugang zu in Betrieb befindlichen Tongruben und Steinbrüchen. Diese Rohstoffunternehmen geben uns nicht nur die Möglichkeit in ihre Abbaubetriebe zu kommen, sondern stellen uns auch eine umfassende Infrastruktur zur Verfügung.

Mit diesen Projekten erreichen wir vermehrt auch Erwachsene, die über Jugendliche zu uns gelangen. Unterschiedlichste Formen von Nachbearbeitungen der Grabungsprojekte wurden bisher von Museumsseite oder durch Schulen selbständig durchgeführt. Neben Zeichen- und Malwettbewerben mit anschließenden Wanderausstellungen wurden auch kleine Sonderausstellungen mit erdwissenschaftlichen Inhalten in mehreren Orten organisiert und aufgebaut. Unterstützt durch Gemeinden, Firmen und Tourismusverbände konnten Themenfolder mit regionalgeologischem Bezug gefertigt und gedruckt werden. Zahlreiche Nachbearbeitungen der Grabungsprojekte durch Schulen in Form von Ausstellungen, CD-Produktionen, Exkursionsberichten, Internetpräsentationen und Vortragsveranstaltungen zeugen von fachübergreifenden Bearbeitungsmöglichkeiten der Projekte im Schulunterricht.

Vier auf einen Streich

Wir sehen die vier Säulen musealer Tätigkeit Sammeln – Forschen – Bewahren – Präsentieren in diesen Projekten vereint, weshalb sie auch zukünftig fixer Bestandteil unserer Museumsarbeit sein werden. Die Abteilung Geologie & Paläontologie des Joanneums präsentiert sich der Öffentlichkeit als dynamischer Mittelpunkt zwischen Schule, Universität, Wirtschaft und Öffentlichkeit.

Neben dem allgegenwärtigen “Eventtourismus” machen wir die Ergebnisse unserer Forschung in ihrer Komplexität für eine ständig wachsende Zahl Naturinteressierter zugänglich und schaffen somit die Grundlagen für einen erdwissenschaftlichen „Informationstourismus“. Treffend formuliert findet sich diese museale Kernaufgabe eines Naturmuseums in einem Brief von Fritz Waidacher an Robin Wade vom 28. Mai 1996: “Let us try to sharpen people´s eyes, to make them aware of connections they cannot discover outside, to open their minds for nature which they are part of and which changes according to how they look at it.”

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