Nachdem an dieser und anderer Stelle mehrfach auf den “Tag der Steine in der Stadt” hingewiesen wurde, ergab sich die Möglichkeit, an einer geologischen Stadtführung in Leipzig teilzunehmen. Etwa 30 Interessierte fanden sich zusammen und wurden von Diplom- Geophysiker Gerwalt Schied eineinhalb Stunden lang durch Leipzigs Innenstadt und ihre Natursteinvorkommen geführt.
Die Gruppenzusammensetzung wurde von Senioren dominiert, wenngleich auch wenige Interessierte im Alter von 20 bis 50 Jahren teilnahmen. Die Führung begann gegenüber des Hauptbahnhofs und führte bis zur Petersstraße im Zentrum Leipzigs. Gerwalt Schied erklärte kurz den Gesteinskreislauf und philosophierte über die Baugeschichte der Innenstadt. Gekonnt verband er menschliche mit geologischer Historie, immer am Beispiel der Natursteinfassaden Leipziger Gebäude.

Gerwalt Schied erklärt die Natursteinfassade im Hintergrund des Bildes anhand einer geologischen Karte.
Wie nicht anders zu erwarten, zog die Exkursionsgruppe allerlei Blicke auf sich. Es braucht schon einiges an Vorstellungskraft und Ideenreichtum der Passanten, um sich die Frage zu beantworten, weshalb sich eine Menschentraube an der Fassade eines noblen Cafés sammelt anstatt ins Café zu gehen. Oder weshalb sich eine Gruppe offensichtlicher “Touristen” eine Hauswand anschaut, die architektonisch nicht erwähnenswert ist und auch sonst keine Auffälligkeiten besitzt, die einen Blick lohnen würden.
Viele in der Gruppe zeigten sich überrascht wie vielfältig die Natursteinfassaden innerhalb eines Straßenzugs und gar innerhalb eines einzelnen Gebäudes sein können, aus welch unterschiedlicher geologischer Zeit und Herkunft die Gesteine der Fassaden zusammengestellt sind.

Die Leipziger Exkursiongruppe an einer Fassade aus "Beuchaer Granitporphyr".
Der erste Tag der Steine in der Stadt wurde in Leipzig kaum wahrgenommen. Es ist fast ein Wunder, dass 30 Menschen die Veranstaltung gefunden haben. Sie war weder im offiziellen Stadtführungsplan der Stadt Leipzig noch anderswo öffentlich angekündigt worden. In anderen Städten berichteten sogar die lokalen Medien vom Tag. Da dieser Tag nicht zentral organisiert wird, ist mit solchen Unterschieden zu rechnen. Unterschiede, die auch davon abhängen, ob sich eine einzelne Person oder eine größere Einrichtung um die Ausrichtung kümmert. Der dezentrale Charakter der Organisation des Tages ist von Vorteil für die Diversität der Veranstaltungen in einzelnen Städten, kann sich aber in einigen Fällen auch als Nachteil erweisen.
Nichts desto trotz: in Leipzig schauen sich seit Samstag mindestens 30 Menschen die Gesteine an Gebäuden bewusster oder überhaupt erst an.

Eine Muschelkalk-Fassade zieht neugierige Blicke auf sich.




:-)
Einen ähnlichen Eindruck hatte ich bei einer Natur- und Werksteine-Exkursion in Berlin (Matthias / Lost Geologist hat ein bißchen darüber geschrieben) : eine Wolke von Leuten betritt den Saal des Pergamon-Museums, und anstatt den Altar zu betrachten, glotzen alle auf den Fußboden…
Ich finde solche Exkursionen und Vorträge immer sehr erhellend – das Wechselspiel von Geologie vor Ort (insbes. an sehr alten Gebäuden) und geschichtlicher bzw. politischer Entwicklung (z.B. das Verschwinden von Elbsandstein, wenn sich Preußen und Sachsen mal wieder nicht so grün waren).