Vor allem denjenigen, die schulpflichtige Kinder haben, dürfte auffallen, dass geowissenschaftliche oder auch nur naturgeographische Kenntnisse im Erdkundeunterricht an nordrhein-westfälischen Schulen nicht gewünscht werden. O-Ton eines hohen Beamten im Schulministerium:
„Wozu brauchen Kinder naturgeographisches Wissen? Es gibt doch Google-Earth.“
Die „modernen“ Lehrpläne sind „kompetenzorientiert“. In der Erdkunde sollen Schüler eine „raumbezogene Handlungskompetenz“ erwerben. Wie denn, wenn sie den Raum nie kennen gelernt haben? Der Raum soll immer im Kontext behandelt werden, etwa unter den Überschriften „Raumstrukturen und raumwirksame Prozesse im Spannungsfeld von wirtschaftlichen Disparitäten und Austauschbeziehungen“ oder „Raumstrukturen und raumwirksame Prozesse im Spannungsfeld von Aktionen und Konflikten sozialer Gruppen, Staaten und Kulturgemeinschaften“. Allenfalls unter dem Thema „Raumstrukturen und raumwirksame Prozesse in der Wechselwirkung von natürlichen Systemen und Eingriffen des Menschen“ lassen sich geowissenschaftliche Themen hin und wieder einbringen, was dann aber wieder anthropo-(sozio-) geographisch verhunzt wird: „Ästhetische Dimensionen von Landschaften und deren subjektive Wahrnehmung und Bewertung“.
Die Schul-Erdkundebücher sind nach diesem kruden Duktus aufgebaut. Kein Schüler durchschaut Logik oder Nutzen dieser Schulgeographie, und die Lehrer können ihren Schülern dies nicht vermitteln, weil sie selbst zweifeln.
Der Berufsverband Deutscher Geowissenschaftler (BDG) hat in den beiden vergangenen Jahren versucht, die Schulpolitik davon zu überzeugen, dass ein Umdenken in der Schulgeographie dringend erforderlich ist, um die nächste Generation für die Lösung der dringlichen Umweltprobleme fit zu machen, denn gerade sie wird vom Klimawandel, Geokatastrophen oder Rohstoffmangel eher betroffen sein als wir. Und vor allem die Lehrer müssten an dieser wichtigen Aufgabe mitarbeiten. Müssten – tun sie aber nicht, weil ihnen die Kenntnisse fehlen. Ihre naturgeographische Ausbildung ist allenfalls rudimentär, jedenfalls vermeiden sie es, solche Themen in den Unterricht einzubauen, obwohl sie es hin und wieder könnten. Wir Geologen versuchen ihnen dabei zu helfen, haben wiederholt übergeordnete Gremien angesprochen – vergeblich. Die etwa drei Dutzend Seminarleiter für die Erdkundeausbildung in NRW sind – bis auf einen Leiter – nicht für solche Themen empfänglich. Und so können wir nur punktuell etwas erreichen, indem wir uns als Geologen outen und uns anbieten, im Erdkunde- oder auch sonstigen naturwissenschaftlichen Unterricht zu unterstützen oder selbst zu unterrichten. Positive Resultate erlangen wir offenbar nur auf diesem Wege. In Krefeld, Hagen, Gelsenkirchen und einigen anderen Orten gehen Geologen auf die Schulen zu, leisten Überzeugungsarbeit bei den Lehrern und erzielen recht beachtliche Resultate. Jedenfalls gibt es dort keinen Schüler mehr, der nicht wüsste, was Plattentektonik ist oder was sich hinter dem Gesteinskreislauf verbirgt.
Das Interesse der Schüler ist offenkundig vorhanden, das der Lehrer weniger, weil sie einseitig ausgebildet sind. Denn den Lehramtskandidaten wird die Erdkunde auch von den Universitäten sehr einseitig dargeboten. Es dominiert hier eindeutig die Wirtschafts- und Soziogeographie. Geowissenschaftliche Inhalte, früher einmal obligatorisch, sind inzwischen nicht mehr vorgeschrieben, sondern rein fakultativ. Da viele Lehramtkandidaten in ihrem Zweitfach vorwiegend geisteswissenschaftliche Fächer unterrichten (Erdkunde gehört gemäß des Schulministeriums zu den Gesellschaftswissenschaften), verspüren sie auch keine Neigung, naturwissenschaftliche Inhalte zu lernen.
Eine Lösung des Dilemmas kann nur darin bestehen, einerseits als Geowissenschaftler darauf zu bestehen, bei der Ausbildung der Erdkunde-Lehramtskandidaten wieder aktiv mitzuwirken und andererseits in den Schulen Präsenz zu zeigen. Den Unterricht können wir nämlich auch mitgestalten, indem wir Lehrern Unterrichtsbeispiele an die Hand geben. Der BDG sammelt derzeit solche Beispiele, um sie an das Schulministerium weiterzureichen. Dort wird nämlich an einem Internetportal gearbeitet, das Unterrichtsbeispiele zum download für Lehrer bereitstellt. So könnte es uns gelingen, wieder Einfluss auf den Erdkundeunterricht in den Schulen – zumindest in Nordrhein-Westfalen – zu erlangen. Lassen Sie es uns versuchen. Schicken Sie dem BDG etwaige ausgearbeitete Unterrichtsbeispiele zu.
(Hinweis: dieser Artikel erschien im Original in den Geowissenschaftlichen Mitteilungen “GMit”.)





Der Beitrag erinnert mich an meine Schulzeit – mehr in meinem Artikel “Hinter- und Untergründe: Eine Zeitreise” unter:
http://home.arcor.de/geo_iburg/archivso.html#hinter !
Leider haben in meinen Augen oft unfähige Mitarbeiter in den Kultusministerien das Sagen. Hätte eine führende Person dort die Geologie als Hobby, sähe es wohl anders aus. In DDR-Zeiten hatte ich über viele Jahre an Schulen eine Arbeitsgemeinschaft “Junge Geologen” laufen. Das Interesse war groß. Es waren Schüler der 6. – 9.Klassen. Höhepunikte waren die Exkusionen zu Mineralfundpunkten im Südharz und Thür.Wald, was eben mit der Bahn problemlos in kurzer Zeit erreichbar war. Einer der Schüler ist später Berufsgeologe geworden. Nach einer Geo-Stunde im Kindergarten meines Sohnes (1995) sagten mir die Erzieherinnen, daß die Kinder danach überall rumgekrochen sind und nach runden Steinen (Kristalldrusen)gesucht haben. Das nich alle Hoffnung auf geologische Bildung in den Schulen fahren gelassen werden muß, erlebte ich vor zwei Jahren. Anläßlich einer Elternsprechstunde an der Schule meines Sohnes fand diese im Geo-Raum statt. Was sah ich an der Wand hängen ? Eine Tafel mit Mustergesteinen und dem Thema “Kreislauf der Gesteine”. Allerdings fehlten drei Muzter. Im Rahmen der Arbeitsgemeinschaftsarbeit in den 70ern an einer Schule hatten wir diese als Schulmesse-Projekt gefertigt. Nach dem Umweg über eine andere Schule ist sie nun dort gelandet. Die Geographie-Lehrerin dort scheint leider auch eine Ausnahme zu sein, was den geonaturwissenschaftlichen Unterricht betrifft. Wenn ich Geo-Lehrer an den Schulen meines Sohnes und anderswo wegen einer Schul-Gesteinssammlung ansprach, stieß ich zumeist ab Desinteresse. Wenn ich Sammlungen sah, konnte es einem grausen: Verstaubt und ohne bzw. mit vertauschten Etiketten.
Als Mitglied im TGV (Thür.Geolog. Verein) hatte ich mit Berufsgeologen zu diesem Thema gesprochen. Sie haben wenig Hoffnung, daß sich am Geographieunterricht an den Schulen thematisch mal was zugunsten der Geo-Naturwissenschaften ändert. Vielleicht sollten Kultus-Beamte sich mal den Spruch von Agricola zueigen machen: Alles kommt vom Bergwerk her. Meines Wissen ist Geologie in Island Lehrfach. Da werden wohl hier in D erst die Eifel-Vulkane ausbrechen müssen, damit sich in der Ausbildungthematik was ändert. Nun, warten wir eben noch einige tausend Jahre. Dann könnte es event. wieder soweit sein.
Als Hobbygeologe und Gesteinssamler habe ich viele Dupletten abzugeben, Gesteine und Erzproben. Die Gesteine zumeist geschnitten und formatiert. Die Erze/Mineralien als Rohstücke. Menge unterschiedlich.