Steine in der Stadt Dresden – ein halber Tag unter Erstklässlern

Online seit 2. Juni 2009 | Von Lutz Geißler

Von Dr. Christoph Franzen.

Dr. Christoph Franzen arbeitet seit 2004 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Diagnostik und Konservierung an Denkmalen in Sachsen und Sachsen-Anhalt e. V. Zuvor war er fünf Jahre lang am Institut für Mineralogie und Petrographie der Leopold Franzens Universität Innsbruck tätig.

Wie Kinder mit einfachen geodidaktischen Mitteln für Gesteine begeistert werden.

Auch ohne eine ganze Dekade Erfahrung in Bildungsarbeit lässt sich geowissenschaftliche Vermittlungsarbeit leisten. Warum nicht in der ersten Klasse anfangen? Die Voraussetzungen sind einfach: Alle Kinder finden Steine schön und finden schöne Steine. Da holen wir sie ab. Wandertag in einer Grundschule. Die Kinder sollten Rucksack, wettergerechte Kleidung, Trinkflasche, Brotdose, Buntstifte (Mäppchen), Sachkundeheft, Lupe (wenn vorhanden) und Kompass (wenn vorhanden) zum Wandertag mitnehmen. Erst eine Schulstunde zur Einführung und zum Kennen lernen. Ein paar Handstücke machen die Sache gleich spannend. Die Erde ist eine Kugel, hat einen heißen Erdkern, einen Erdmantel und eine ganz dünne Erdkruste. Der Kompass zeigt nach Norden (wo ist Norden?), die Erde hat ein Magnetfeld. Steine entstehen aus Magma, zum Teil mit Vulkanen. Granit: „Feldspat, Quarz und Glimmer, die vergess’ ich nimmer.“ Das üben wir ein paar Mal. Sandsteine bestehen aus Sand. Wir packen unseren (meinen) Rucksack. Die Kinder sagen, was ich brauche und ich ergänze der Rest. Also: Trinkflasche, Essen, Buntstifte, Feldbuch, Probenbeutel, Fotoapparat, Maßband, Lupe, Kompass, Karte und Hammer (ein Estwing und einer mit langem Stil). Frühstückspause. Mit der Bahn in die Stadt, zwischendurch überlegen wir mal, welche Worte mit „Stein“ wir alle kennen. Schon sind wir mittendrin, im Zwinger.

Spannende Gesteinskunde im Dresdener Zwinger

Spannende Gesteinskunde im Dresdener Zwinger.

Für die, die von außen hier auf den Artikel stoßen: Dresden ist ein sehr dankbare Stadt für eine „Steine in der Stadt“-Exkursion: so viel Elbsandstein. Den schauen wir uns an, und die Faunenfiguren im Zwingerhof. Wir gehen durch den Semperbau: hups, Granitfußboden. Und weiter zum König Johann Denkmal: grüner Mikrogabbro und grauer Granit aus der Oberlausitz im Sockel, Granit, schwarzer Basalt und weißer Mergel im Pflaster. Die Tatsache, dass jeder „Granit“ hier ein Granodiorit ist, ignoriert die Exkursionsleitung geflissentlich. Stattdessen: Lupe raus, Gesteine bestehen aus Mineralen. Rüber zum Theaterplatz, kurz Napoleon spielen, dann in die Hofkirche Kalksteine anschauen (tatsächlich wegen Reinigung geschlossen), also auf zur Brühlschen Terrasse, zwei Denkmäler, sowie Pflaster und Fassaden bis zum Garten. Austoben lassen, die Konzentration ist längst erschöpft, die Energie aber noch nicht und so geht’s zu Fuß zurück zur Schule. Mittagessen, Aufgabenblätter für zu Hause, jedes Kind zieht sich eine Postkarte und einen kleinen bunten Quarz zum Mitnehmen, Rückschau (an was können wir uns erinnern?), wer hat noch fragen an den Geologen – und Wochenende.

Magmatische Stadtgesteine unter die Lupe genommen.

Magmatische Stadtgesteine unter die Lupe genommen.

Die Idee zu so einer schönen und einfachen Stadtexkursion ist nahe liegend und wird von einer Arbeitsgruppe befördert. Glücklicherweise fand im April 2009 die Arbeitstagung in Dresden statt und war sehr gut vorbereitet und bestens durchgeführt! Die Vorbereitung für den Wandertag wie die Route etc. wurde sehr vereinfacht durch einen kleinen aber feinen Miniaturführer zu den Bau- und Dekorationsgesteinen in Dresden (Siedel, H., Lange, J.-M. & Heinz, F.: 2009, ISSN 1868-3444), der von mehreren Kollegen aus Anlass der Tagung erarbeitet wurde.

Für Kinder ist gar nicht so viel nötig, Hauptsache die Mischung von Abwechslung und Wiederholung stimmt und alle haben Spaß. Natursteine gehören zu ihrer natürlichen und umbauten Umwelt. Die Gesteine prägen das Landschaftsbild und das charakteristische Stadtbild. Sie sind die zum Teil ältesten Zeugen der menschlich kulturellen Entwicklung und machen den größten Anteil am Kulturgut weltweit aus. Gleichzeitig sind Steine im Alltag so natürlich dass sie ganz selbstverständlich von vielen Menschen nicht mehr wahrgenommen werden. Für die schulische Bildung bieten Natursteine als Thema auch aktuell ein großes Potential. Man kann sie sehen, anfassen, beschreiben und begreifen. Sie sind in einer langen Geschichte entstanden, sind geographisch verbreitet, und bestehen aus Mineralen, die wiederum aus chemischen Elementen bestehen. Sie haben physikalische und technische Eigenschaften und trotzdem haben alle Kinder schon Steine gesehen. Die Lehrer/innen sind offen und begeisterungsfähig für das Thema Steine.

Ein solcher Ausflug kann über ein Heranführen des Nachwuchses an wissenschaftliche Arbeitsweisen die sozioökonomischen Kenntnisse zum Umgang mit natürlichen Georessourcen erweitern. Er kann aber auch einfach ein kleiner Beitrag geowissenschaftlicher Öffentlichkeitsarbeit sein.

- Arbeitsblätter zum Download (330 KB)

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