Wikipedia als öffentlichkeitswirksamer Faktor. Von Michael Buchwitz.
Dipl.-Geol. Michael Buchwitz
promoviert am Institut für Geologie der TU Bergakademie Freiberg über “Taxonomy, Phylogenesis and Paleobiology of the Madygen Tetrapod Fauna”. Er ist seit Jahren Autor bei Wikipedia und hat dort u.a. das Portal Geowissenschaften gegründet.
Es gab mal eine Zeit, da waren Wikipedia-Artikel zu geowissenschaftlichen Themen fast ausnahmslos furchtbar: wenig informativ, falsch, ohne Quellenangaben – darunter z.B. solche über fossile Tiere, die wie von einem Kinderbuch oder Spielkartenset abgeschrieben waren oder auf Quellen beruhten, die das 30-Jahre-Verfallsdatum eindeutig überschritten hatten.
In der englischen, aber auch der deutschen Wikipedia hat sich in den letzten Jahren einiges getan, was mehr oder weniger die Konsequenz des Einfließens von Experten- und Halbexpertenwissen ist. Vergleicht man beispielsweise diese und diese Version eines Beitrags über eine sehr berühmte fossile Tiergattung, wird man zugeben müssen, dass in dem fünfjährigen Reifungsprozess dazwischen ein ganz netter Enzyklopädie-Artikel, nicht fern vom letzten Stand der Forschung, entstanden ist. Natürlich herrscht bei manchen Themengebieten noch gähnende Leere, so dass für kreative Geister noch große Gestaltungsspielräume bestehen.
Bisher ist die Gemeinschaft der aktiven Wissenschaftler Wikipedia gegenüber eher skeptisch – aus einer Reihe von Gründen:
- Unzuverlässigkeit als Datenquelle/ fehlende Referenzen oder Unterreferenzierung – diese Probleme sind bereits weitgehend gelöst oder in Angriff genommen. Die Gemeinschaft der Wikipedia-Autoren hat sich selbst zunehmend strengere Regeln bezüglich Mindeststandards gegeben und ist sich einig, dass alle wesentlichen Aussagen eines Artikels durch unabhängige Quellen belegt sein sollen.
- Plagiate durch Schüler und Jungstudenten. Ich denke, dabei handelt es sich mehr um das grundlegende Problem, Nachwuchs-Textverfassern das richtige Zitieren und den Unterschied zwischen richtig/ehrlich und falsch/unehrlich beizubringen. Wikipedia kann meines Erachtens für Missbräuche dieser Art nicht wirklich verantwortlich gemacht werden.
- Einflussnahme durch Leute, denen nicht nur enzyklopädisches Wissen am Herzen liegt, sondern die sich mit einer bestimmten Agenda im Hinterkopf der Wikipedia widmen (“Standpunktkrieger“). Meistens werden zweifelhafte Beiträge durch den Überhang vernünftiger und unvoreingenommener Wikipedia-Mitarbeiter neutralisiert. In vielen Fällen ist in der WP-Gemeinschaft das nötige Hintergrundwissen vorhanden, so dass tendenziöse und unbelegte Aussagen erkannt und gelöscht (oder in ihrer Art und Weise angepasst) werden.
Und dann gibt es natürlich noch die Frage der Nützlichkeit, besonders aus Sicht des Experten…
Warum sich das Schreiben von WP-Artikeln lohnen kann:
- Der Beitrag wird ein vergleichsweise großes Publikum haben. Suchmaschinen platzieren Wikipedia-Artikel meist sehr hoch in der Ergebnis-Liste. Jeder, der nach dem von mir enzyklopädisch bearbeiteten Begriff sucht, wird meinen Beitrag finden und nutzen. Auf diese Weise wird man für die Allgemeinheit derjenige Autor, der den Erstzugang zu einem bestimmten wissenschaftlichen Themenfeld bietet.
- Der Artikel könnte sich auch für ernsthafte Forschung als hilfreich erweisen – und zwar für Forscher verwandter Wissenschaftszweige, die nach der Erläuterung eines Begriffs und nach Verweisen auf die passende Standardliteratur, aktuellen Veröffentlichungen und Webressourcen suchen.
- Man kann selten bekannt gemachte Themen seiner Wissenschaft stärker in den Blickpunkt öffentlichen/ populärwissenschaftlichen Interesses rücken. In dem man beispielsweise einen Artikel über eine seltene Ammonitenart oder eine bestimmte geophysikalische Untersuchungsmethode schreibt, der von der WP-Community als „exzellent“ ausgezeichnet wird und als „Artikel des Tages“ auf der Wikipedia-Hauptseite erscheint, kann man Geo- bzw. Paläo-Enthusiasten für ein ansonsten vernachlässigtes Forschungsfeld begeistern (auf enzyklopädische Art und Weise für den Gegenstand eigenen Forschungsinteresses werben).
- Es kann für das eigene wissenschaftliche Denken hilfreich sein, wenn man versucht, einem Nichtspezialisten-Publikum Konzepte zu erklären, deren Plausibilität im fachinternen Diskurs kaum angezweifelt wird. Falls man Schwierigkeiten hat, mit einfachen Worten den Kern der Sache zu erklären bzw. (für sich selbst) glaubhaft zu machen, könnte es sein, dass zugrundeliegende Thesen/Modelle unzutreffend oder realitätsfern sind.
(Die Liste könnte bestimmt erweitert werden.)
Hindernisse für Experten-Neuwikipedianer?
Bevor man sich für eine Mitarbeit bei der Wikipedia entscheidet, sollte sich vergewissern, dass man die Ziele des Projekts teilt und verstanden hat – siehe “Was Wikipedia nicht ist.”
Es gibt einige besondere Wiki-Formate – die meisten sind genauso einfach oder noch einfacher zu handhaben als HTML-Codes – und eine wachsende Zahl an Regeln und Konventionen, z.B. was die Kategorisierung und Formatierung angeht. Ein Rezept für den leichten Einstieg ist das Kopieren von Formatvorlagen aus dem Code eines bereits bestehenden Artikels (selbe Kategorie oder inhaltlich vergleichbar), in die man wie in ein Gerüst die Inhalte für den eigenen neuen Artikel einfügt.
Es gibt Benutzerseiten und Diskussionsseiten zu den Artikel- und Benutzerseiten. Ein Tipp: Lassen Sie sich nicht zu sehr dazu verleiten, mit erfahrenen Wikipedianern über Stil- und Formatfragen zu diskutieren. Ihr primäres Ziel als Spezialist einer Fachdisziplin sollte es sein, aktuelle Information und wissenschaftliches Hintergrund- und Überblickswissen einzubringen. Korrekturen sind zum Beispiel manchmal erforderlich, wenn sich in Artikel Missverständnisse oder Fehler eingeschlichen haben, die der populärwissenschaftlichen/ journalistischen Aufbereitung eines Fachthemas entsprungen sind.
Wenn Sie sich als Experte outen, wird es unter den erfahrenden Wikipedia-Nutzern viele geben, die Ihnen mit Rat und Tat den Einstieg erleichtern und Sie in Diskussionen um Artikelinhalte zu kontroversen Themen unterstützen.
Weiteres aus meiner eigenen Wikipedia-Erfahrung
Ich haben meine ersten Artikel-Editierungen in der deutschen Wikipedia im Jahr 2005 vorgenommen, als ich noch Diplom-Student war. Als deutscher Muttersprachler mit Englisch-Kenntnissen können Sie sich überlegen, ob sie vor allem deutsche Leser und Interessenten oder Geo-Enthusiasten weltweit erreichen wollen. Ein wesentlicher Vorteil eines Wikis ist die Vernetzung eines Artikels mit anderen Artikeln per Wikilink – in der englischen Wikipedia haben Sie oft den Vorteil, dass das Reservoir an bestehenden Artikeln und Inhalten größer ist und sozusagen schon mehr Substanz da ist, in die Sie Ihre neuen Beiträge einbinden können.
Wie dem auch sei: Sie werden feststellen, dass in vielen Bereichen noch viel Arbeit nötig ist oder wünschenswert wäre, so dass Sie die Zeit und Energie, die Sie investieren wollen, sinnvoll einteilen sollten: Schauen Sie z.B. auf die Mängel, die aus Ihrer Sicht am gravierendsten und am einfachsten zu beheben sind. Falls Sie für „ernsthafte“ wissenschaftliche Zwecke Literaturrecherchen vorgenommen haben, könnten sie Ergebnisse daraus ein zweites Mal zum Schreiben eines Wikipedia-Artikels verwenden. Ach ja, falls Sie promovieren oder an einer Belegarbeit schreiben sollten, seien Sie gewarnt, dass Wikipedia ein hervorragendes Mittel ist, um sich abzulenken!




Hier meine Erfahrungen zur Mitarbeit bei Wikipedia :
Erfahrung 1 — nach Erstellung der Inhalte der Webseite http://www.mineral-exploration.de habe ich – zugegebenerweise auch ein wenig in Hinblick auf Eigenwerbung – mehrere meiner dortigen Publikation als externe Links auf entsprechende deutsche und englische Wikipedia – Artikel gesetzt. Beispielweise weiterführende Informationen, bzw. Karten zu den Metallen Wolfram, Molybdön und Vanadium, aber auch zu bergbaulichen Regionen wie Fahrkunst, Kohlebergbau in Schaumburg oder Eisenerzbergbau im Hils
Schon nach kurzer Zeit waren die meisten der entsprechenden Links in der deutschen Wikipedia verschwunden, in der englischen blieben sie überraschenderweise bis heute stehen. Schade, ich dachte, ich könne da einen Beitrag bereichern…
Erfahrung 2 — Nach einer geologischen Exkursion an den Königsee in den deutschen Alpen konsultiere ich Wikipedia und erfahre dort zu meiner Überraschung, das es sich bei dem Königsee um einen “tektonischen Grabenbruch” handelt. Anscheinend wohl ein Fehler, den ich sogleich freudig korrigiere, handelt es sich doch ganz eindeutig um ein durch Gletscher tief ausgeschürftes U – Tal mit postglazialer Seefüllung.
Einen Tag später ist meine Korrektur wieder durch den ursprünglichen falschen Text ersetzt worden. Erneut korrigiere ich, diesmal schon weniger freudig und frage in der Diskussion freundlich, warum man den meine Korrektur rückgesetzt hat ?
Geantwortet wird von einem offenbar besonders klugen Menschen, das ich keine Referenz angegeben hätte und das ginge so nicht. (Die vorhandene Referenz verweist auf eine forstwirtschaftliche
Arbeit mit wenig geologischen Belang)
Mittlerweile schon etwas ärgerlich vermerke ich, das es für einen Geologen eigentlich völlig offensichtlich ist, das es sich um ein Gletschertal handelt, dies auch ohne Referenz und korrigiere erneut.
Als auch diese Korrektur dann wieder zurückgesetzt wird, gebe ich auf. Sollen die doch in Wikipedia machen, was sie wollen…mir ist meine Zeit dann doch zu schade dafür
Sorry, aber so geht es vermutlich vielen
Glück Auf
Thomas
…das ist nun mal so bei einer Enzyklopädie: keine eigenen Beobachtungen oder Ansichten, die zuvor nicht irgendwo veröffentlicht worden sind. Das trifft sowohl den Hobbygeologen als auch den Nobelpreisträger. Aussagen/Inhalte, die für Leser eines Wikipedia-Artikels und spätere Autoren nicht nachprüfbar sind (in dem sie in der jeweils angegebene Literatur nachschlagen), sind nicht erlaubt.
Wer soll in einem offenen Projekt mit anonymen Mitarbeitern auch wissen können, ob jemand was Richtiges weiß oder nicht weiß oder ob jemand Experte ist?
Die Regeln dazu stehen bei: Was Wikipedia nicht ist (WP:WWNI); Wikipedia:keine Theoriefindung (WP:TF); Wikipedia:No original research (WP:NOR).