Seit wenigen Jahren ist das so genannte „Web 2.0“ in aller Munde. Zahlreiche innovative Ideen wurden online verwirklicht und bieten den Nutzern vielfältige und zumeist kostenfreie Möglichkeiten der Interaktion und Kommunikation, die vor zehn Jahren noch nicht im Ansatz denkbar waren. Dass das Web 2.0 keineswegs nur ein Spielplatz für „Koch- oder Foto-Communities“ und „Social Networks“ ist, sondern auch der Wissenschaft Nutzen bringt, zeigt die Idee des „Geobloggings“.
Was ist „Bloggen“?
Zunächst sind einige Begriffe zu klären. „Bloggen“ stammt vom Wort „Blog“ ab, das wiederum die Kurzform von „Weblog“ – Netztagebuch – ist. Der Herausgeber (der „Blogger“) kann Inhalt und Form seiner veröffentlichten Texte selbst bestimmen. So kann ein Blog chronologisch als reines Tagebuch, aber auch thematisch sortiert als Magazin oder Journal aufgebaut sein. Meist ist es den Lesern eines Blogs möglich, die Artikel des Bloggers zu kommentieren und damit Diskussionen in Gang zu setzen, in denen der Blogger als Moderator wirkt. Blogs heben die Grenze zwischen Text-Produzent und -Rezipient auf – ein Blogger ist beides.
Die ersten Blogs wurden Anfang der 1990er Jahre ins Internet gestellt. Massenwirksam wurde diese Kommunikations- und Publikationstechnologie jedoch erst nach der Jahrtausendwende und verstärkt in den letzten Jahren. Auch in Deutschland werden Blogs immer populärer. Nach der Computer- und Technik-Analyse des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Jahr 2007 lasen zu diesem Zeitpunkt bereits 26 % der 14- bis 64-jährigen Internetnutzer Blogs, 8 % schrieben sogar selbst Blogbeiträge. Diese Zahlen werden in den vergangenen zwei Jahren erheblich gestiegen sein. International, vor allem in den USA, ist Bloggen weitaus verbreiteter als in Europa. Besonders mit Blick auf geowissenschaftliches Bloggen („Geoblogging“) sind die USA den Europäern weit voraus. Einer der ältesten Geoblogs ging übrigens bereits 1997 online (Andrew’s Geology Blog).
Wer bloggt?
Die Welt der Geoblogger, die „Geoblogosphäre“, ist bislang überschaubar geblieben. In Deutschland gibt es nur eine Hand voll (8 bis 10), international deutlich mehr Verfasser von geowissenschaftlichen Blogbeiträgen. Zurzeit liegt die Zahl der weltweiten Geoblogs zwischen 160 und 250.
Nach einer nicht repräsentativen, aber der bislang einzigen Umfrage unter Geobloggern aus dem Jahr 2008, die von Geologe und Blogger Callan Bentley vom Northern Virginia Community College (USA) durchgeführt wurde (n = 46, damals ca. 50 % der Geoblogosphäre), bloggen vor allem Diplomanden/Doktoranden, Universitätspersonal, beratende Geowissenschaftler und Ausbilder (Abb. 1). Im Durchschnitt erscheint in den an der Umfrage erfassten Geoblogs alle zwei Tage ein neuer Blogartikel. Die eifrigsten Geoblogger erreichen gar drei bis vier Artikel pro Tag.

Was machen Geoblogger im „realen“ Leben? (Daten von Callan Bentley, 2008)
Themen der Geoblogs
Die Themen der Geoblogs sind so vielfältig wie die Geowissenschaften selbst. Basierend auf einer auf geoberg.de veröffentlichten thematischen Geoblogliste befasst sich die Mehrheit der Blogger mit Paläontologie (ca. 30 %), Sedimentologie (ca. 10 %), Geophysik (ca. 6 %), Vulkanologie (ca. 6 %) oder einer Mischung aus verschiedenen Geofachgebieten (ca. 30 %). Das Spektrum umfasst aber auch Bereiche der Quartärgeologie, Hydrogeologie, des Geoingenieurwesens, der Struktur- und regionalen Geologie, Petrologie, Mineralogie und Lagerstättengeologie, der Geoinformatik und Geomathematik sowie der Geomorphologie und Geoökologie. Die zuvor erwähnte Studie von Callan Bentley zeigt eine noch komplexere Themenbandbreite auf (Abb. 2). Viele Blogger berichten über eigene Forschungsergebnisse oder begleiten ihre Qualifikationsarbeit mit inhaltlich wertvollen Fachbeiträgen. Aktuelles aus den Geowissenschaften, persönliche Meinungen zu umstrittenen Fragestellungen und Erfahrungen aus der eigenen didaktischen Tätigkeit sind weitere Schwerpunkte der Geoblogosphäre. Ein besonderes Beispiel der weltweiten Vernetzung der bloggenden Geowissenschaftler ist der so genannte „Accretionary Wedge“ – eine „Blog-Parade“: in regelmäßigen Abständen werden durch die Geoblogosphäre Artikel zu einem speziellen Fachthema veröffentlicht. Das Ergebnis ist ein erstaunlich breites und fachlich wertvolles Spektrum aus Erfahrungen und Wissensschätzen, das jedem online zur Verfügung steht.

Worüber bloggen Geoblogger? Die Prozentangaben beziehen sich auf den Anteil der jeweiligen Antwort zur Gesamtheit aller Antworten. (Daten von Callan Bentley, 2008)
Vor- und Nachteile des Bloggens für Geowissenschaftler
Was motiviert Geowissenschaftler über ihre Tätigkeit, ihr Fachgebiet oder andere Geothemen im Internet zu bloggen? Auch darüber sind Bentleys Umfrage einige interessante Aussagen zu entnehmen. So spielen bei der überwiegenden Zahl der Blogger didaktische Gedanken eine Rolle. Viele möchten ihr Wissen mit anderen teilen, sich mit fachlich gleich gesinnten Menschen weltweit austauschen und vernetzen. Häufig wird der Blog auch als Archiv des eigenen wissenschaftlichen Gedankenprozesses betrachtet, der durch andere Geoblogger unterstützt und in neue Richtungen gelenkt werden kann. Nachstehend eine Übersicht einiger Vorteile:
- Kontakte zu Geowissenschaftlern und Geo-Interessierten weltweit.
- Schneller Zugang zu geowissenschaftlichen Neuigkeiten und Informationen (Geoblogs als Wissensarchive).
- Blogger und Blogleser bekommen Einsichten in andere Themen, Regionen und neue geowissenschaftliche Methoden.
- Das mehr oder weniger regelmäßige Schreiben über das eigene Fachgebiet verbessert nicht nur die Schreibfähigkeiten, sondern auch das wissenschaftliche Verständnis.
- Gewinnbringende Online-Diskussionen mit anderen Geowissenschaftlern.
- Geoblogs erreichen eine breit gefächerte Leserschaft und sind damit auch für die Geo-Öffentlichkeitsarbeit interessant.
- Studenten und Promovenden erhalten dank der Geoblogosphäre fachliche Unterstützung, Anregungen und Tipps.
Trotz aller Vorteile bestehen gegenüber Blogs in der Wissenschaft häufig Vorbehalte – meist verursacht durch die öffentliche Zugänglichkeit ihrer Inhalte. Dieser Zugänglichkeit ist es geschuldet, dass aktuelle Forschungsergebnisse verständlicherweise nur selten durch bloggende Geowissenschaftler online veröffentlicht werden. Geoblogs werden vielmehr als ein Werkzeug auf dem Weg zu diesen Ergebnissen verstanden und können den Forschungsfortschritt zum Nutzen aller dokumentieren. Nachteile gibt es bei verantwortungsvollem Umgang mit Blogs kaum. Meist sind sie nur struktureller Natur, z.B.:
- höherer Zeitaufwand
- Unübersichtlichkeit der Geoblogosphäre (erste Abhilfe wurde vor Kurzem mit dem sehr empfehlenswerten „Geoblogosphere News Aggregator“ von Dr. Robert Huber, Dr. Jens Klump und Dr. Stefan Götz geschaffen)
- Mangel an bloggenden Geowissenschaftlern (besonders in Deutschland)
- Dominanz von US-amerikanischen Geoblogs – keine Gleichverteilung entsprechend der weltweiten Geoforschungsvielfalt
Bloggen, aber wie?
Generell kann jeder Mensch mit Internetzugang einen Blog anlegen. Je nach den eigenen technischen Voraussetzungen und Kenntnissen gibt es dabei verschiedene Möglichkeiten. Die einfachste Variante ist die Nutzung von Blog-Plattformen wie blogger.com oder wordpress.com. Dort legt der Nutzer ein Profil mit Benutzername und Passwort an, wählt sich ein Blog-Design aus, bekommt eine Internetadresse und kann sofort mit dem Schreiben beginnen. Wer Wert auf individuelle Gestaltung und technische Ausrüstung seines Blogs legt, kann sich kostenfrei Blog-Software herunterladen (z.B. auf wordpress.com), diese auf seinem Server installieren und nach den eigenen Vorstellungen einen Blog einrichten.
Geowissenschaftliche Blogs sind eine wertvolle Möglichkeit, das eigene Fachgebiet nach außen hin zu präsentieren, sein Wissen im Austausch mit anderen Wissenschaftlern und Interessierten zu erweitern und neue Möglichkeiten der (geo-) wissenschaftlichen Arbeit im Web 2.0 zu entdecken. Wagen Sie einen Blick in die Geoblogosphäre… Beginnen Sie am besten hier: http://geoblogs.stratigraphy.net




