Ein Fenster in die Erdgeschichte

Online seit 30. September 2009 | Von Ronny Rößler

Im Rahmen der Stadtentwicklung 2009-2013 und gefördert durch den Europäischen Fond für Regionale Entwicklung (EFRE) hat das Museum für Naturkunde die Möglichkeit erhalten, im Chemnitzer Stadtteil Sonnenberg einen Einblick der besonderen Art in den Untergrund zu schaffen. Stimuliert durch das große Interesse der Öffentlichkeit und der Medien an der seit 2008 in Chemnitz-Hilbersdorf durchgeführten wissenschaftlichen Grabung soll hier nach positiver Bewertung der Erkundungen ein Grabungsfeld entstehen, welches als touristische Attraktion das Alleinstellungsmerkmal des Versteinerten Waldes für die Bürger und Gäste der Stadt erst erlebbar macht. Logo des Projekts "Fenster in die Erdgeschichte"Die versteinerten Bäume sollen Stück für Stück aus den vulkanischen Gesteinsschichten freigelegt und in-situ konserviert werden. Dem Besucher werden sich so unvergessliche Einblicke in die spannungsgeladene erdgeschichtliche Vergangenheit unmittelbar vor der Haustür bieten. So soll nach der in diesem Jahr geplanten geologischen Erkundung bei positivem Ergebnis erstmals ein Originalschauplatz für die Entstehung des Versteinerten Waldes von Chemnitz freigelegt und touristisch erschlossen werden. Sowohl die Größe von etwa 1300 Quadratmetern als auch die Lage der zu evaluierenden Fläche könnte zu einem einzigartigen „Fenster in die Erdgeschichte“ werden.

Der vor über 290 Millionen Jahren erfolgte explosive Ausbruch des Zeisigwald-Vulkans im Osten des heutigen Chemnitz begrub einen tropischen Feuchtwald aus diversen Farnen, Schachtelhalmgewächsen und Gymnospermen an Ort und Stelle unter sich. Die Voraussetzungen, dieses vielfältige Ökosystem aus dem Perm wieder freizulegen, sind hier wie kaum an einem anderen Ort auf der Welt gegeben: Die aussagekräftigen Fossilreste blieben unmittelbar an bzw. nahe ihres ehemaligen Standortes im Biotop erhalten und wurden Zelle für Zelle mineralisch konserviert. Besonders reizvoll ist es, die taphonomischen Besonderheiten in unterschiedlichen Entfernungen vom Vulkan studieren zu können. Während die Ende 2009 abzuschließende Grabung in Hilbersdorf eher den eruptionsnahen Bereich erschloss, wird der Sonnenberg eruptionsfernere Einblicke bieten.

Recherchen in historischen Dokumenten, Archiven und Sammlungen attestieren dem Chemnitzer Stadtteil Sonnenberg gute Fundmöglichkeiten für versteinerte Bäume, die es für die Öffentlichkeit zu erschließen und nachhaltig zu nutzen gilt. Historische und aktuelle Funde aus der Stadt, u.a. auch vom Sonnenberg belegen dies seit Jahrhunderten: Bezugnehmend auf Funde des Jahres 1862 schrieb HANNS BRUNO GEINITZ in den Berichten der ISIS Dresden: „Das massenhafte Vorkommen verkieselter Baumstämme in der Nähe des Chemnitzer Bahnhofs hat gegenwärtig in allen Schichten unseres sächsischen Manchester die allgemeine Theilnahme erregt. Alt und Jung strömt nach dem Sonnenberge, um einen Baumstamm zu bewundern. Wiewohl schon Tausende dieser Stücken von den Bewohnern der Stadt aufgelesen worden sind, so ist doch immer noch Material genug vorhanden, um alle naturhistorischen Museen der Erde damit reichlich versorgen zu können.“ Einer der größten aus Chemnitz bekannten Stämme (Umfang ca. 5 Meter) wurde im Jahre 1900 unweit der nun zu erkundenden Grabungsfläche, an der Einmündung Uhlandstraße/Glockenstraße gefunden. Die geologische Begleitung von Tiefbaumaßnahmen der letzten Jahre zeigte, dass die avisierte Fläche für Fossilfunde gut geeignet sein dürfte.

Die Realisierung des Projektes offeriert nicht nur die Chance zur überregional ausstrahlenden Aufwertung des Stadtteils Sonnenberg, sondern versteht sich als wichtiger Mosaikstein auf dem Weg zur Annerkennung des Versteinerten Waldes von Chemnitz als Welterbe der UNESCO. Im ersten Projektabschnitt sollen 2009 auf der ausgewählten Fläche geophysikalische und geologische Erkundungsarbeiten durchgeführt werden. Dazu gehören 3D-tomographische geoelektrischen Widerstandsmessungen (geoelektrische Flächenmessungen) zur Erkennung größerer struktureller Anomalien sowie zur Abgrenzung eventuell zu erwartender Bebauungsreste und Auffüllungsbereiche bzw. zur Detektierung größerer Verkieselungszonen als potentielle Vorkommen von versteinerten Bäumen. Ferner werden mehrere Kernbohrungen von 150 mm Durchmesser und 5-7 m Tiefe auf dem Grabungsgelände niedergebracht. Bohransatzpunkte sind jeweils in Kenntnis der Ergebnisse der vorher durchgeführten geophysikalischen Erkundungen sukzessive festzulegen. Begleitend werden in Zusammenarbeit mit der TU Bergakademie Freiberg, der Universität Würzburg und der Karlsuniversität Prag weitere Untersuchungen durchgeführt. Dazu gehören Altersdatierungen der Gesteine, detaillierte petrographische Analysen und regionale Schichtkorrelationen.

Parallel wird das Projekt umfassend dokumentarisch begleitet, u.a. wird ein Film entstehen. Dieser bildet eine Voraussetzung, für die künftige Nutzung aussagekräftiges Informationsmaterial für Besucher und die überregionale Bewerbung des Bescherareals erstellen und nachhaltiges touristisches Interesse generieren zu können. Er wird außerdem dazu beitragen, Begeisterung für naturkundliche Phänomene zu wecken, den Erkenntnisprozess zu veranschaulichen und somit Wissenschaft begreifbar, nachvollziehbar und transparent zu machen.

(Hinweis: dieser Artikel erschien im Original in den Geowissenschaftlichen Mitteilungen “GMit”.)

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  1. “Auf Schatzsuche in Chemnitz” – Filmprojekt des Chemnitzer Naturkundemuseums sucht Sponsoren | geonetzwerk.org schrieb am 28. Februar 2011 um 18:21 Uhr :

    [...] Wissenschaftler drei Jahre lang nach dem Versteinerten Wald von Chemnitz gegraben und sensationelle Fundstücke geborgen haben, folgen nun Jahre der wissenschaftlichen [...]

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