Die Heidelberger Geographische Gesellschaft lädt an mehreren Abenden von November 2008 bis Januar 2009 zu öffentlichen Vorträgen ein. Die nicht nur dem Fachpublikum, sondern vor allem auch Schülern und Lehrern zu empfehlenden Präsentationen spannen den Bogen zwischen Politik, Geologie, Klimatologie, Geschichtsforschung und Sozialwissenschaften.
Die Veranstaltungen finden im Otto-Haxel-Hörsaal des Kirchhoff-Instituts für Physik (KIP) Gebäude INF 227 (Nähe Mensa) – Im Neuenheimer Feld – statt. Der Eintritt liegt bei moderaten 3,50 € (Studierende und Schüler 2 €). Bei Schulklassen in Begleitungen eines Lehrers entfällt die Gebühr, ebenso bei Mitgliedern der HGG.
Das Programm im Detail:
Di 03.11. 2009, 19 Uhr:
Prof. Dr. Benedict Korf (Universität Zürich)
Geographien der Gewalt
Dieser Vortrag skizziert den spezifischen Beitrag, den die Geographie in der Bürgerkriegsforschung leisten kann: ein vertieftes Verständnis der raum-zeitlichen und multiskalaren Dynamik von Gewaltstrukturen. Gewalt zeigt sich in Bürgerkriegen als alltägliches Phänomen, doch bleiben Gewaltexzesse auf kurzfristige raum-zeitliche Ausschnitte begrenzt. Gewalt produziert nicht Anarchie, sondern neue soziale und politische Ordnungen in Form von Kriegs- und Überlebensökonomien. Forschungsfragen sind dann: Wie beeinflussen solche Gewaltmuster die politische Ökonomie von Bürgerkriegsgebieten? Welche Überlebensräume ergeben sich hieraus für Menschen, die in Bürgerkriegsgebieten leben? Wie beeinflussen Kriegs- und Überlegensökonomie die Strukturdynamik von Bürgerkriegen? Diese Überlegungen werden erläutert anhand verschiedener Arbeiten zu gewalttätigen Konflikten in Sri Lanka, am Horn von Afrika und anderswo.
Di 17.11. 2009, 19 Uhr:
Prof. Dr. Hans Gebhardt & PD Dr. Heiko Schmid (Universität Heidelberg)
Gewalt im Nahen Osten – Konfliktherde und Zukunftshoffnungen
Der Nahe Osten ist die konfliktreichste Region der Erde. Zwischen 1945 und 2008 waren allein 27 der 30 Staaten im Vorderen Orient mindestens einmal an einem Konflikt beteiligt, in dem massiv mit Gewalt gedroht wurde bzw. in dem es zu regelrechten Kriegshandlungen kam. Diese Gewaltquote liegt noch höher als in Schwarzafrika (90 % gegenüber 78%). Für den Humangeographen stellt sich die Frage nach den externen und internen Ursachen dieser Konflikte, nach Akteuren und deren Machtressourcen, nach der “weak governance” der Staaten und es stellt sich natürlich auch die Frage, ob es künftig bessere Möglichkeiten der Konfliktvermeidung oder Konfliktmoderation gibt.
Der Vortrag behandelt anhand ausgewählter Beispiele (Irak, Libanon, Palästina und Jordanien) politisch-geographische Aspekte der Gewalt im Nahen Osten. Neben der Berichterstattung und den unterschiedlichen Medienimages zu den Konflikten wird auch auf verschiedene Friedensinitiativen eingegangen.
Di 01.12. 2009, 19 Uhr:
Dr. Martin Doevenspeck (Bayreuth)
Bürgerkrieg und Gewaltökonomie in der DR Kongo
In Interpretationen des andauernden Krieges im Osten der Demokratischen Republik Kongo wird der Ausbeutung von regionalen Zinnerzvorkommen eine zentrale Bedeutung zugeschrieben. Es zeigt sich jedoch, dass mit Konzepten wie Gewaltmarkt und Kriegsökonomie oder mit der Analyse von zumindest partiell kriminellen Produktionsketten Konfliktursachen und -dynamiken nur eingeschränkt erfasst werden können und eine Fixierung auf die Ressourcenausbeutung einer nachhaltigen Konfliktlösung im Wege steht. Der Vortrag greift die auch in der Geographie geführte Diskussion um die Bedeutung von natürlichen Ressourcen für bewaffnete Konflikte auf, testet ausgewählte Argumente der Debatte für den ostkongolesischen Kontext und erweitert die Perspektive um den Einbezug von Governanceaspekten und Handlungslogiken beteiligter Akteure auf unterschiedlichen Maßstabsebenen.
Di 19.01. 2010, 19 Uhr: Der Besondere Vortrag
OB Dr. Eckart Würzner (Heidelberg)
Klimaschutz im Focus der modernen Heidelberger Stadtentwicklung
Heidelberg strebt eine Entwicklung an, die auch in Zukunft unter Bewahrung seines unverwechselbaren Charakters gleichermaßen sozial verantwortlich, umweltverträglich und wirtschaftlich erfolgreich ist. Verkehrs-, Wirtschafts- und Umweltpolitik berühren das soziale Zusammenleben unmittelbar und sind Bestandteil einer umfassenden gleichgewichtigen Stadtentwicklungspolitik. Eine nachhaltige Stadtplanung sichert in vielfältiger Weise die Lebens- und Wohnqualität der Bürgerinnen und Bürger und trägt zur Attraktivität Heidelbergs als Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort bei. Ein in jeder Hinsicht herausragendes Klimaschutzprojekt hat Heidelberg mit der Entwicklung der Bahnstadt auf den Weg gebracht. Bei der Realisierung dieses neuen Stadtteils wird das Ziel der nachhaltigen Entwicklung ganzheitlich unter Einbeziehung aller Lebensbereiche und Akteure verfolgt. Die Bahnstadt wird das größte Passivhausbaugebiet weltweit. Dazu wurde ein Konzept entwickelt, das die drei Kernbereiche Reduzierung des Energiebedarfs, effiziente Energieversorgung und prozessbegleitende Umsetzung umfasst.
Di 26.01. 2010, 19 Uhr:
Prof. Dr. Hermann Kreutzmann (FU Berlin)
Afghanistan und Pakistan – Probleme der Staatlichkeit und Herausforderungen für Sicherheit und Entwicklung
Afghanistan und Pakistan gelten nicht nur in der südasiatischen Region, sondern auch im weltweiten Vergleich als zwei vom Staatsverfall bedrohte Gesellschaften. Trotz ihrer Nachbarschaft und regionalistischer Tendenzen innerhalb der Nationalstaaten sind beide vollkommen unterschiedlich strukturiert.
Afghanistan hat seit dem Abzug der Roten Armee einen verlustreichen internen Krieg um Dominanz ausgefochten. Niemals stand die Auflösung oder Fragmentierung des Nationalstaats zur Debatte. Alle Bürgerkriegsparteien – am prominentesten die Taliban und die Nord-Allianz – kämpfen um die Macht in Kabul und unterscheiden sich nur graduell in ihrer ideologischen Ausrichtung.
Gleichzeitig eröffnet die schwache Staatlichkeit Optionen für regionale „warlords“, ihre Machtbasis zu erhalten und sich aus Drogengeschäften und anderen Machenschaften zu finanzieren. Erste Ansätze zu einer Konsolidierung des Staatswesens werden im Rahmen des „Nationalen Solidaritätsprogramms“ sichtbar. Ob so die im Petersberg-Abkommen gemachten Fehler der Zentralisierung der Macht und der „Entfremdung“ der Paschtunen überwunden werden können, bleibt abzuwarten.
Pakistan erscheint weniger als Nationalstaat gefestigt zu sein als Afghanistan. Allein die Verfassung sieht eine Fragmentierung vor, die die vier Provinzen konstitutionell von den Stammesgebieten, den Northern Areas und Azad Kashmir abheben. Alle vier Teilgebiete, die das pakistanisch-kontrollierte Territorium ausmachen, unterscheiden sich in Rechtsnormen, Veraltungsvorschriften und völkerrechtlichem Status. Gegenwärtig beobachten wir eher zentrifugale Tendenzen in Pakistan: Eine paschtunisch dominierte Talibanisierung erfolgt in der Nordwestgrenzprovinz und in Swat, separatistische Tendenzen stimulieren weiter Bewegungen in Baluchistan und auch in Sind. Die völkerrechtlich ausgegrenzten Gebiete der Northern Areas und von Azad Kashmir drohen mit Eigenständigkeit. Die politische Instabilität hat mit der international geforderten Mobilisierung gegen die Talibanisierung eine neue Qualität erreicht, die durch die damit verbunden Flüchtlingsbewegung im Banne einer gravierenden ökonomischen Krise weiter verschärft wird.
Afghanistan und Pakistan bieten daher verschiedenen Gruppierungen, die eine Verbesserung der Lebensverhältnisse versprechen, ein geeignetes Umfeld, wachsende Anhängerschaften hinter sich zu versammeln.
Mittlerweile haben internationale und nationale, an Konfliktschlichtung interessierte Organisationen erkannt, dass beide Staaten in einem kaum trennbaren Wechselverhältnis stehen und eine Abmilderung konfrontativer Konstellationen nur im Einklang und unter Berücksichtigung beidseitiger Interessenlagen möglich ist.
Der Vortrag zielt auf eine historische Rekonstruktion der unterschiedlichen Akteurskonstellationen im Konfliktfeld zweier Nachbarn ab, die so verschiedene Interessen verfolgen und doch miteinander stark verflochten sind. Gleichzeitig wird versucht, die Hintergründe der Krise auszuleuchten.



