Der seit zwei Jahren von der Paläontologischen Gesellschaft verliehene Titel „Fossil des Jahres“ geht 2010 an den wertvollsten Fund der wissenschaftlichen Grabung nach dem Versteinerten Wald von Chemnitz und damit erstmals an ein Pflanzenfossil: Es handelt sich um einen Schachtelhalm-Baum aus dem Erdzeitalter des Perms, der vor 290 Millionen Jahren durch einen Vulkanausbruch verschüttet und konserviert wurde.

Aufnahme des mehrfach verzweigten und versteinerten Schachtelhalm-Baumes im August 2008. Das Fossil des Jahres 2010.
Den mehrfach verzweigten so genannten Calamiten fanden die Chemnitzer Wissenschaftler bereits 2008 im Stadtteil Hilbersdorf und legten ihn bis zum heutigen Tag auf einer Länge von zehn Metern frei. Das Fundstück schreibt paläobotanische Wissenschaftsgeschichte, denn der versteinerte Schachtelhalm mit mindestens zwölf Ästen und Achsen widerlegt die bisher gängige Annahme, dass diese Pflanzen im Perm ausschließlich unverzweigt vorkamen. Die enorme Bedeutung dieser Entdeckung für die Paläobotanik und damit die Erforschung und Rekonstruktion vergangener Ökosysteme würdigte die Paläontologische Gesellschaft, die sich aus mehr als 1000 internationalen Mitgliedern formiert, mit der Auszeichnung zum „Fossil des Jahres 2010“.
Unter den fünf Finalisten, die zur Jahrestagung nach Bonn eingeladen wurden, waren der große Brachiosaurus des Berliner Naturkundemuseums, der Neandertaler des Landesmuseums Bonn, ein eiszeitlicher Wasserbüffel des Naturhistorischen Museums Mainz sowie ein fossiler Waldelefant des Augsburger Naturkundemuseums. „Dass wir uns gegen eine so starke Konkurrenz durchsetzen konnten, ist ein Gütesiegel für die Qualität der Chemnitzer Funde und die internationale Wertschätzung unseres Versteinerten Waldes. Ganz besonders freut es uns, dass dieses Mal eine fossile Pflanze das Rennen gemacht hat“, so Ronny Rößler, Direktor des Chemnitzer Museums für Naturkunde.
Die Erforschung verkieselter Hölzer hat in Chemnitz eine jahrhundertelange Tradition. Bereits 1752 wurde die Bergung eines Stammes in Chemnitz-Hilbersdorf veranlasst. Aufsehen erregende Ausgrabungen am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts folgten. Die erste wissenschaftliche Grabung nach dem Versteinerten Wald, die 2008 begonnen und in diesem Jahr fortgesetzt wurde, konnte an diese historischen Erfolge anknüpfen und bewies mit mehr als 300 Funden versteinerter Pflanzen – darunter das „Fossil des Jahres 2010“ – dass die Quellen aus der Urzeit noch lange nicht erschöpft sind. Voraussichtlich im Januar nächsten Jahres wird der prämierte Schachtelhalm im Rahmen einer Festveranstaltung im Museum für Naturkunde der Öffentlichkeit präsentiert und anschließend in die Dauerausstellung übernommen.
Hintergrund zum Objekt

Fundskizze mit Messpunkten und Achsenbezeichnungen.
Vor über 290 Millionen Jahren wurde im Zuge eines Vulkanausbruches ein permischer Wald verschüttet. Für das gesamte Ökosystem eine Katastrophe, doch andererseits ermöglichte dieses Ereignis die Konservierung zahlreicher Pflanzen an ihrem Wuchsort. Aber nicht nur riesige Stämme, sondern auch kleine Pflanzenteile oder juvenile Pflanzen, die bislang nie geborgen wurden, blieben erhalten. Direkt über dem Bodensubstrat, innerhalb der ersten 50 Zentimeter, formten feinkörniger Aschentuff und seine Zersetzungsprodukte die Beblätterung der umstehenden Pflanzen ab. Die Möglichkeit, einen Blick in den geologischen Untergrund der Stadt zu werfen und dabei kostbare Fossilfunde zu machen, war selten umfassend gegeben. Im Jahr 1752 hatte David Frenzel in Hilbersdorf die Aufsehen erregende Bergung eines versteinerten Stammes mit ansitzenden Wurzeln veranlasst. Um die Wende des 19./20. Jahrhunderts gab es mit der Bebauung des Chemnitzer Vororts Hilbersdorf und des Stadtteils Sonnenberg die bislang ertragreichste Fundperiode. In den letzten Jahrzehnten lieferten lediglich kurzfristige Bauaufschlüsse Einzelfunde.
Stimuliert durch das UN-Jahr der Erde 2008 und im Zuge der Bewerbung der Stadt zur Anerkennung ihres Versteinerten Waldes als Weltnaturerbe der UNESCO organisierte das Museum für Naturkunde auf einem 18×24 m2 großen Areal im Stadtgebiet von Chemnitz eine wissenschaftliche Grabung, die am 4. April 2008 startete.
Auf dem knapp 500 m2 großen und 5,5 m tiefen Grabungsareal konnten ca. 300 Stämme oder Verzweigungen gefunden werden. Der wissenschaftlich wertvollste Fund ist der horizontal im Tuff eingebettete, mehrfach verzweigte terminale Abschnitt eines Schachtelhalm-Baumes (Calamiten). Derzeit ist der Fund auf einer Länge von 10 Metern geborgen und wird zeitnah präpariert und wieder zusammengefügt. Der Calamit besteht – anders als bisher von Wissenschaftlern angenommen – aus einem reich verzweigen Hauptstamm mit derzeitig 12 geborgenen Ästen und Achsen.
Erste anatomische Untersuchungen ergaben die Zuordnung zur Gruppe Arthropitys bistrata/ezonata, deren Holz aus Treppentracheiden und Parenchym besteht. Der Parenchymanteil des Holzes ist mit ca. 50% relativ hoch. Es diente neben der Stützfunktion möglicherweise der Wasserspeicherung. So ist es denkbar, dass diese Pflanze ein hohes Lebensalter bei extremen Lebensraumbedingungen erreichen konnte.
Der Weg zum Fossil des Jahres 2010
In einem mehrstufigen Verfahren wird seit zwei Jahren von der Paläontologischen Gesellschaft das „Fossil des Jahres“ gekürt. Aufgrund der herausragenden Bedeutung des Fundes für die Paläobotanik wurde der Calamit vom Museum für Naturkunde Chemnitz zum „Fossil des Jahres“ vorgeschlagen. Nachdem die Juroren der Paläontologischen Gesellschaft aus allen Einsendungen fünf Favoriten auswählten, stimmten die Teilnehmer auf der Jahrestagung der Gesellschaft im Oktober 2009 für das „Fossil des Jahres 2010“ ab. Dabei konnte sich der Chemnitzer Fund gegen den großen Brachiosaurus des Berliner Naturkundemuseums, den Neandertaler des Landesmuseums Bonn, einen eiszeitlichen Wasserbüffel des Naturhistorischen Museums Mainz und einen fossilen Waldelefanten des Naturkundemuseums Augsburg durchsetzen. Im Januar 2010 soll das „Fossil des Jahres 2010“ im Museum für Naturkunde in einer Festveranstaltung der Öffentlichkeit in vollem Umfang präsentiert werden.




