Massenaussterben und Evolution – Sonderausstellung in Zürich

Online seit 6. Januar 2010 | Von Heinz Furrer

Massenaussterben waren Katastrophen für die meisten Tiergruppen, überraschend vielen boten sie jedoch auch eine Chance. Sie kurbelten die Evolutionsraten an und führten zu neuen Formen und größerer Vielfalt der Überlebenden. Forschungsteams des Paläontologischen Instituts und Museums der Universität Zürich zeigen in der Sonderausstellung und im gleichnamigen Buch die Eigenschaften verschiedener Massenaussterben und analysieren deren Ursachen.

Ausstellungsplakat zu "Massenaussterben und Evolution"

Ausstellungsplakat zu "Massenaussterben und Evolution"

Entlang einer acht Meter langen Balkenreihe, sinnbildlich für unzählige Aussterbe-Ereignisse, führt die Zeitreise durch die letzten 540 Jahrmillionen und mitten in die Schauplätze verschiedener Massenaussterben. Hier liegt ein gigantisches Dinosaurier-Skelett auf einer Bühne neben vulkanischer Lava und einem Meteoriten. Es ist Symbol für den Tod aller Dinosaurier im wohl berühmtesten Massenaussterben vor 65 Mio. Jahren. Gleich daneben tritt ein putziges Pelztier den folgenden Siegeszug der Säugetiere an. Und genau das ist typisch: jede dieser Katastrophen forderte unzählige Opfer und wirkte gleichzeitig als Katalysator der Evolution. Doch abgesehen davon unterscheiden sich die einzelnen Massenaussterben deutlich voneinander. Ihre typischen Eigenschaften und Auswirkungen auf die folgenden Erholungsphasen sind in fünf Zeitfenstern dargestellt. Als Gesteinsschichten gestaltete Ausstellungsmöbel veranschaulichen mit 300, teilweise erstmals öffentlich ausgestellten Fossilien und 10 Lebensmodellen die Opfer und Gewinner. Ob und weshalb das nächste Massenaussterben kommt, wird kritisch hinterfragt. Dass paläontologische Forschung harte Knochenarbeit sein kann, erkennt man in Filmen und spielerisch im als Grabungsstelle gestalteten Sandkasten.

Die Sonderausstellung ist eine Gemeinschaftsproduktion des Paläontologischen und Zoologischen Museums der Universität Zürich. Ein reichhaltiges Begleitprogramm mit Führungen, Vorträgen und Familiensonntagen bietet Gelegenheiten, mit den Forschern zu diskutieren.

Im gleichzeitig erschienenen und im Museum erhältlichen Buch “Massenaussterben und Evolution” vertiefen die fünf Paläontologen und Ausstellungsautoren das spannende Thema auf über 50 reich bebilderten Seiten:

  • Furrer, H. und Haffner, M. (Hrsg.) 2009: Massenaussterben und Evolution. Paläontologisches Institut und Museum und Zoologisches Museum der Universität Zürich, 58 S. CHF 15.–.

Besucherinformationen

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag 9-17 Uhr, Samstag und Sonntag 10-17 Uhr, Montag ge-schlossen. Abweichungen der Öffnungszeiten an Feiertagen unter www.zm.uzh.ch. Eintritt frei.

Öffentliche Anlässe (gratis):
Führungen (für Erwachsene): jeden dritten Sonntag im Monat führt um 11:30 Uhr ein Paläontologe durch die Sonderausstellung
Familienanlässe: jeden Sonntag ab 14 Uhr “Auf in die Vergangenheit!”
Vorträge zu Massenaussterben und anderen Forschungsthemen der Paläontologie: vom 11.11.2009 bis 14.07.2010. jeden zweiten Mittwochabend im Monat um 18:15 Uhr
Aktuelles Veranstaltungsprogramm unter www.zm.uzh.ch und www.pim.uzh.ch

Dauer der Ausstellung:
3. November 2009 bis 5. September 2010
Zoologisches Museum der Universität Zürich
Karl Schmid-Straße 4, 8006 Zürich

Hintergrundinformationen zur Sonderausstellung

Im Laufe der Milliarden Jahre dauernden geologischen Geschichte unseres Planeten haben zahlreiche Aussterbe-Ereignisse stattgefunden. Sieben davon, bei denen bis 95% der damaligen Arten ausstarben, werden als Massenaussterben bezeichnet. Die Sonderausstellung zeigt, dass diese Katastrophen aber nicht nur negative Auswirkungen hatten, sondern auch als eigentliche “Katalysatoren der Evolution” wirkten. Auf einer Reise durch die Jahrmillionen lernt das Publikum die Eigenschaften verschiedener Massenaussterben und der darauf folgenden Erholungsphasen kennen. Dieser Forschungsschwerpunkt des Paläontologischen Instituts und Museums der Universität Zürich ist durch viele, teilweise erstmals öffentlich ausgestellte Fossilien aus eigenen Grabungen von der ganzen Welt dokumentiert. Ein Begleitprogramm mit Führungen, Vorträgen und Familiensonntagen rundet die Sonderausstellung ab und bietet Gelegenheiten, mit den Forschern zu diskutieren. Im gleichzeitig erscheinenden Buch “Massenaussterben und Evolution” vertiefen die fünf Paläontologen und Ausstellungsautoren das spannende Thema auf über 50 reich bebilderten Seiten.

Ausstellungsteile:
Im als Grabungsstelle gestalteten Sandkasten legen Kinder wie richtige Paläontologen einen Saurier  frei und suchen nach fossilen Haizähnen. Daneben begrüsst die Büste von Georges Cuvier mit einem historischen Überblick über die Erforschung von Massenaussterben. Ein Stammbaum mit den verschiedenartigsten Ammonoideen zeigt die Evolution dieser ausgestorbenen Verwandten der Tintenfische. Entlang einer acht Meter langen Zeitachse schreitet das Publikum die unzähligen Aussterbe-Ereignisse der letzten 540 Millionen Jahre ab, erfährt deren mögliche Ursachen und tritt in die Welt von Massenaussterben und Evolution. Hier fesseln gleich mehrere Blickfänge: ein Riesenammonit, ein zerfallenes Dinosaurier-Skelett und als fossilreiche Gesteinsschichten gestaltete Ausstellungsmöbel locken zu gigantischen Zeitsprüngen.

Ein Team des Paläontologischen Instituts und Museums transportiert den angelieferten Schädelabguss eines Triceratops aus Nordamerika in die Ausstellung. Die Dinosaurier waren die bekanntesten Opfer des Massenaussterbens an der Kreide/Paläogen-Grenze vor 65 Millionen Jahren. (© Zoologisches Museum der Universität Zürich)

Ein Team des Paläontologischen Instituts und Museums transportiert den angelieferten Schädelabguss eines Triceratops aus Nordamerika in die Ausstellung. Die Dinosaurier waren die bekanntesten Opfer des Massenaussterbens an der Kreide/Paläogen-Grenze vor 65 Millionen Jahren. (© Zoologisches Museum der Universität Zürich)

Vor 380 Millionen Jahren: Sterben in Raten
Im Devon lösten Meeresspiegelschwankungen und sauerstoffarme Bodenwässer gleich mehrere Aussterbe-Ereignisse vor allem in den Flachmeeren aus, wo die Riffbildung zum Stillstand kam. Doch auch die sich ausbreitenden Landpflanzen trugen zum Tod auf dem Meeresgrund bei, wie fossile Pflanzenreste dokumentieren. Von den Opfern sind der Schädel und das Lebensmodell eines riesigen Panzerfisches, kieferlose Fische, und zahlreiche Korallen zu sehen. Der Ursprung der von den Aussterbe-Ereignissen stark betroffenen, insgesamt aber erfolgreichen Ammonoideen ist mit Fossilien und Lebensmodellen nachempfunden. Dass ihr Erfolgsrezept die Einrollung des Gehäuses war, zeigt eine eindrückliche Sammlung verschiedenster Arten aus Marokko. Auch die Trilobiten überlebten und die kiefertragenden Fische gehörten langfristig zu den Gewinnern der Katastrophen. Das 70 cm lange Lebensmodell eines der ersten Lurche dokumentiert einen entscheidenden Schritt zur amphibischen Lebensweise und ist Vorbote der anschliessenden Eroberung des Festlandes im Karbon.

Vor 250 Millionen Jahren: das größte Massenaussterben
Rund 100 ausgestellte Fossilien spiegeln die Vielfalt mariner Tiere vor dem größten aller Massenaussterben wider und dokumentieren für manche eine geradezu explosionsartige Erholungsphase nach der Katastrophe, insbesondere bei den Ammonoideen. Gigantische Mengen von Vulkangesteinen dieses Alters aus Sibirien legen extremen Vulkanismus als Ursache für die Auslöschung von 90% aller Arten nahe. Unter dem Mikroskop gilt es winzige Fossilien vom Beginn des neuen Erdzeitalters, der Trias, zu betrachten. Leitfossilien dafür sind Conodonten, “Zähnchen” von Hindeodus parvus, einer ursprünglichen Wirbeltierart. Während die reiche Fauna der Trilobiten ganz verschwand, überlebten die Seelilien und die einst meterhohe Riffe bildenden Moostierchen mit wenigen Arten. Auch die urtümlichen Korallen des Paläozoikum starben aus und wurden erst 10 Millionen Jahre später durch die modernen Korallen ersetzt. Von den vielen Seeigeln blieb nur eine Gattung übrig, aus der sich alle späteren Vertreter ableiten lassen. Die Muscheln blühten dank dem Aussterben vieler Armfüsser auf. Fische und Reptilien waren vom Massenaussterben wenig betroffen, wie eine Skelettmontage von Lystrosaurus aus der frühen Trias von Südafrika und Originalfossilien aus der mittleren Trias des Monte San Giorgio belegen.

Paläontologische Forschung hautnah
Wie die Erholungsphase nach dem größten Massenaussterben ablief, wird von der “Triasgruppe” des Paläontologischen Instituts untersucht. Ein Hauptergebnis der von vielen Seiten beleuchteten Forschung ist, dass starker Stress die Evolutionsraten steigerte und selbst ein von der Forschergruppe neu nachgewiesenes Aussterbe-Ereignis den Erfolg der Erholungsphase nicht bremste. Auf dem Labortisch erhält man Einblicke in die aufwändige, viel Geschick und Geduld erfordernde Präparationsarbeit am Beispiel von Ammonoideen aus der frühen Trias. Filme von Grabungen im Himalaya und in Marokko beweisen im Videorondell, dass diese Forschung harte Knochenarbeit sein kann. Publikationen und Zeitungsartikel spiegeln in der “Leseecke” das grosse Interesse der Öffentlichkeit an der paläontologischen Forschung der Universität wider.

Vor 65 Millionen Jahren: das bekannteste Massenaussterben
Durch das Aussterben der Dinosaurier am Ende der Kreide wurde dieses jüngste Massenaussterben weltweit berühmt. Eine Bühne zeigt ein zerfallenes Skelett von Triceratops, einem der letzten Dinosaurier, während ein kleines Pelztier die vom Aussterben der “schrecklichen Echsen” profitierenden Säugetiere vertritt. Zähne von Raubdinosauriern, Dinosauriereier und die Schädel eines Flugsauriers und Mosasauriers illustrieren die einstige Vielfalt dieser ausgestorbenen Reptilgruppen. Dass auch viele wirbellose Meerestiere verschwanden, wird beim Anblick zahlreicher Belemniten und der letzten, bis 2 m grossen Ammoniten klar. Sogar unsere Schreibkreide, nichts anderes als Reste einzelliger Algen, belegt die Vielfalt des Planktons vor dem Massenaussterben. Von der darauf folgenden Erholung an Land und im Meer zeugen zahlreiche Korallen und Seeigel, Tintenfische, gigantische Haizähne, eine Meeresschildkröte aus dem Kanton Glarus und ein Krokodil aus Deutschland, Zähne und ein Skelett von Urpferden aus Frankreich und Dielsdorf, fossile Fledermäuse und der Schädel eines Urwals. Unter dem Mikroskop dokumentieren Foraminiferen das Aussterben und den anschliessenden Aufschwung im Mikrokosmos.

Vor 10 Millionen Jahren: regionale Aussterbe-Ereignisse
In einer Animation wird die heutige Wüste im Norden Venezuelas, das Untersuchungsgebiet einer weiteren Forschergruppe, zu einem tropischen Regenwald und gibt Einblick in eine Fauna voller Riesen. Diese ist zusätzlich veranschaulicht mit dem Oberschenkelknochen eines Riesennagetieres, dem Schädel von einem Riesenwels, Wirbeln einer Schildkröte und Anakonda und mit dem Kotstein eines Riesenkrokodils. Eischalen aus der heutigen Wüste belegen einen ehemaligen Strand, der Riesenschildkröten als Legeplatz diente und Otolithe, Gehörsteine, dokumentieren eine reiche Fischfauna.

Seit 100 000 Jahren, heute und morgen
Die Wechsel von Kalt- und Warmzeiten im Eiszeitalter führten zum Verschwinden großer Säugetiere wie Mammute und den südamerikanischen Südhuftieren, von denen ein Schädel zu sehen ist. Eine Lebendrekonstruktion des Dodo von Mauritius, das Ei und die Beinknochen eines 3 m hohen Elefantenvogels aus Madagaskar zeugen von menschenverursachten Aussterben auf Inseln. Obwohl auch der Mensch vom Aussterben betroffen war – vor 2 Mio. Jahren gab es noch 2 Gattungen mit 5 Arten von Hominiden – ist seine einzige überlebende Art verantwortlich für das nächste Massenaussterben. Umweltveränderungen lassen die Aussterberate rasant ansteigen und fast die Hälfte aller Pflanzen und Tiere weisen Verschiebungen ihrer Verbreitungsgebiete auf. Die Überpräsenz des Menschen wird deutlich am laufenden “Welttaktgeber” und auf einem TV-Turm, der wahllos Tagesnachrichten ausstrahlt.

(Hinweis: dieser Artikel erschien zum Teil in den Geowissenschaftlichen Mitteilungen “GMit”.)

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  1. Massenaussterben und Evolution – Sonderausstellung in Zürich schrieb am 8. Januar 2010 um 14:12 Uhr :

    [...] Entlang einer acht Meter langen Balkenreihe, sinnbildlich für unzählige Aussterbe-Ereignisse, führt die Zeitreise durch die letzten 540 Jahrmillionen und mitten in die Schauplätze verschiedener Massenaussterben. Hier liegt ein gigantisches Dinosaurier-Skelett auf einer Bühne neben vulkanischer Lava und einem Meteoriten. Es ist Symbol für den Tod aller Dinosaurier im wohl berühmtesten Massenaussterben vor 65 Mio. Jahren. Gleich daneben tritt ein putziges Pelztier den folgenden Siegeszug der Säugetiere an. Den originalen Beitrag finden Sie hier http://www.geonetzwerk.org/ … | Heinz Furrer [...]

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