Seit 25. Juli 2009 ist das Muschelkalkmuseum Ingelfingen nach einem dreiviertel Jahr Schließung wieder der Öffentlichkeit zugänglich – mit fast verdoppelter Ausstellungsfläche. Dafür wurde das zweite Stockwerk im Dachgeschoss der Ingelfinger Inneren Kelter zu einer Galerie der Lettenkeuper-Fossilien ausgebaut.

Das Muschelkalkmuseum in der Ingelfinger Inneren Kelter.
Ausgestellt sind dort Panzerlurche, Saurier und Pflanzen aus der einzigartigen Sammlung von Werner Kugler aus Crailsheim. Das Muschelkalkmuseum präsentiert nun wie kaum ein anderes Haus die Fülle der Lebewelt aus acht Millionen Jahren Triaszeit in Mitteleuropa. Wenn die Steine, wie immer wieder geschrieben wird, das Gedächtnis der Erde sind, dann ist das Muschelkalkmuseum für diese acht Millionen Jahre ihr Archiv.
Muschelkalk und Lettenkeuper begleiten den Besucher schon auf der Anfahrt, und sogar das Gebäude selbst ist daraus errichtet. Denn tief hat der Kocher bei Ingelfingen sein Tal durch die 250 Meter mächtigen Schichten der Hohenloher Ebene eingeschnitten. In Jahrhunderten häuften Weingärtner oben an den Hängen Lesesteinriegel aus grauem Muschelkalk auf, die den Tallandschaften im hohenlohisch-fränkischen Norden von Baden-Württemberg ihr Gepräge geben. Und aus grob behauenen Muschelkalkquadern mit Türgewänden aus grünem Lettenkeuper-Sandstein wurde die ehemalige Weinkelter erbaut, in der seit 1996 das Museum Quartier gefunden hat.
Dieses ist keineswegs ein Heimatmuseum, sondern ein naturkundliches Spezialmuseum, das eine Zeitscheibe von acht Millionen Jahren fokussiert, in der Mitteleuropa zur Zeit der Trias vom Muschelkalkmeer überflutet und dann von Sumpf- und Deltalandschaften des Lettenkeupers bedeckt war. Sammel- und Forschungsobjekt sind damit die 240 Millionen Jahre alten Gesteine, Minerale und vor allem Fossilien aus der Mitteltrias von Deutschland, Frankreich und Polen, aber auch aus gleichaltrigen Schichten anderer Kontinente. Die Sammlung wurde in über 50 Jahren vom ehrenamtlichen Museumsleiter Hans Hagdorn aufgebaut, der auch die Ausstellung konzipierte und gestaltete, am Museum Forschung betreibt und die ca. 2000 Besucher im Jahr betreut.

Die Seelilie Encrinus liliiformis aus dem Oberen Muschelkalk.
Sein Forschungsschwerpunkt ist die spannende Geschichte der Seelilien und anderer Stachelhäuter, die am Ende des Erdaltertums beinahe ausgestorben wären, sich in der Trias wieder diversifizierten und dabei an die verschiedensten Lebensräume anpassten. Dabei hat sich das Augenmerk in den letzten Jahren auf Seelilien aus der Obertrias gerichtet. In einem deutsch-chinesischen Forschungsprojekt wird zurzeit die Seelilienfauna obertriassischer Schwarzschiefer Süd-Chinas untersucht. So ist auch die Sammlung triaszeitlicher Stachelhäuter besonders gut sortiert und kann sich selbst mit großen Museen messen, denn durch die internationalen Kontakte gelangte Material aus aller Welt in die Magazine des Muschelkalkmuseums. Darüber hinaus wird am Museum über die Paläoökologie von Muschelkalk und Lettenkeuper gearbeitet. In Kooperation mit der Deutschen Stratigraphischen Kommission und mit mehreren geologischen Landesämtern wird die Neugliederung des Muschelkalks in Deutschland vorangebracht. So finden am Museum Arbeitstreffen und Tagungen statt, werden Gutachten und Facharbeiten für wissenschaftliche Journale geschrieben und jedes Jahr Anfragen von Wissenschaftlern aus aller Welt bedient, die dann oft Sammlungsmaterial aus dem Museum publizieren.
Zusammen mit der Stadt Ingelfingen, welche die Räumlichkeiten stellt und den Ausstellungsbetrieb gewährleistet, trägt die Friedrich von Alberti-Stiftung der Hohenloher Muschelkalkwerke das Muschelkalkmuseum. Sie fördert Wissenschaft und Forschung, indem sie u.a. den mit 10.000 Euro dotierten Alberti-Preis verleiht. Hans Hagdorn überträgt seit einigen Jahren das Eigentum an seiner Sammlung der Alberti-Stiftung. Der größte Teil der mehrere 10.000 Stücke umfassenden Sammlung ist in Schubladenschränken in einem Magazinraum untergebracht, den die Stadt Ingelfingen zur Verfügung stellt. Geräte für die Fossilpräparation stellte die Alberti-Stiftung bereit.
Über den gut 300 m2 bisheriger Ausstellungsfläche standen zwei weitere Stockwerke im Dachstuhl der Inneren Kelter für eine Museumserweiterung bereit, von denen jetzt das untere ausgebaut wurde, um die Sammlung des Crailsheimer Sanitärinstallateurs Werner Kugler auszustellen. Der “Focus” apostrophierte diesen äußerst erfolgreichen Sammler als Deutschlands Saurierkönig. Mit seiner einzigartigen Sammlung, die er der Alberti-Stiftung übertragen hat, ergänzt durch lebensgroße Modelle von Sauriern, Urlurchen und Fischen aus der Triaszeit, ist das Muschelkalkmuseum mit nun fast 600 m2 Ausstellungsfläche in die erste Liga der Paläontologie-Museen im deutschen Südwesten aufgestiegen. Zu den Exponaten gehören die 14,5 cm langen Zähne des Urlurchs Mastodonsaurus, die längsten Saurierzähne, die in Deutschland gefunden wurden. Werner Kugler hat seine Funde in fachmännisch angelegten und dokumentierten Grabungen über Jahre hinweg ausgegraben, geborgen und professionell präpariert. Auch an der Umsetzung des Museumskonzeptes hat er sich äußerst engagiert beteiligt.

Schädel und Unterkiefer von Mastodonsaurus aus dem Lettenkeuper.
Die Stifterfirmen der Alberti-Stiftung und andere potente Sponsoren aus der regionalen Wirtschaft wie die Ingelfinger Bürkert-Werke haben die aus Mitteln des Landes Baden-Württemberg bereitgestellten Zuschüsse für die Museumserweiterung großzügig aufgestockt. Mit Stiftungen und Leihgaben weiterer Originalstücke sowie mit Abgüssen und Modellen von Sauriern und Panzerlurchen ergänzten besonders das Stuttgarter Löwentormuseum, aber auch die Naturkundemuseen Zürich und Mailand, das Institut für Geowissenschaften der Universität Tübingen, das Hällisch-Fränkische Museum Schwäbisch Hall und viele Privatsammler die Ausstellung.
Zielgruppen sind Erdwissenschaftler und Fossiliensammler, vor allem aber natur- und heimatkundlich Interessierte, Studenten, die sich anhand von Texten sowie von Bild und Grafik die Inhalte selbst erschließen wollen. Schulklassen und viele andere Besuchergruppen schätzen dagegen geführte Touren durch die vergangene Welt der Triaszeit.
Das Muschelkalkmuseum zeigt, dass gerade in der engen Nische seiner Spezialisierung auch mit vergleichsweise geringem Aufwand Forschung mit internationaler Resonanz und zeitgemäße Museumstechnik möglich sind. Dafür stehen die günstigen Rahmenbedingungen im Kochertal mit einem überschaubaren Umfeld, wo kurze Wege und unbürokratische Entscheidungsprozesse effiziente Arbeit gewährleisten und wo man sich persönlich mit dem Museum identifiziert.
Kontakt und Öffnungszeiten
Das Muschelkalkmuseum Ingelfingen (Schloss-Str. 3) ist ab 25. Juli 2009 wieder geöffnet, und zwar ganzjährig sonntags von 10.30 – 16.00 Uhr, samstags von 14.00 bis 17.00 Uhr und von Mai bis Oktober zusätzlich mittwochs von 15.00 – 17.00 Uhr. Führungen für Gruppen nach Vereinbarung.
Stadtverwaltung Ingelfingen, Neues Schloss, 74653 Ingelfingen
Fon 07940 / 1309-22
Fax 07940 / 1309-62
während der Öffnungszeiten: Fon 07940 / 55964
Führungen nach Vereinbarung mit
Dr. Hans Hagdorn, Schloss-Straße 11, 74653 Ingelfingen – Fon 07940 / 59500
Werner Kugler, Heidestraße 5, 74564 Crailsheim – Fon 07951 / 25482
Alfred Bartholomä, Pfauenstraße 10, 74632 Neuenstein – Fon 07942 / 8164
www.ingelfingen.de
www.muschelkalkmuseum.de
Literatur
- HAGDORN, H. (2004): Das Muschelkalkmuseum Hagdorn Ingelfingen. – 96 S., 250 Abb.; Heilbronn (Edition Lattner)
- HAGDORN, K. (1997): Das neue Muschelkalkmuseum Hagdorn Stadt Ingelfingen. – Fossilien 14 (4): 242-247, 6 Abb.; Korb (Goldschneck)
- JANSEN, U., KÖNIGSHOF, P. & STEININGER, F. F. (2004): Zeugen der Erdgeschichte. Ein Reiseführer zu den
schönsten Fossilien in deutschen Naturkundemuseen. – 2. überarb. u. erw. Aufl., 127 S., zahlr.
Abb., Stuttgart (Schweizerbart) - JANSEN, U. & STEININGER, F. F. (2002): Die paläontologischen Sammlungen in Deutschland. Inhalte, Erfassung und Gefährdung. – Kleine Senckenberg-Reihe 42, 101 S., 17 Abb., 8 Tab.; Stuttgart
(Schweizerbart)
(Hinweis: dieser Artikel erschien zum Teil in den Geowissenschaftlichen Mitteilungen “GMit”.)





Gibt es auch Empfehlungen für geologische Wnderwege oder Spaziergänge in der Umgebung von Ingelfingen? Das könne man gut mt einem Museumsbesuch verbinden. Ich würde mich über einen Tipp freuen. Mit freundlichen Grüßen Meike Leipprand
Ausgewiesene Geopfade gibt es bei Schwöäbisch hall und bei Öhringen-Michelbach. Leider — noch — nicht direkt bei Ingelfingen.
Mit bestem Gruß
H. Hagdorn