RUBRIK | Projektberichte

Schlagwörter | , ,

Ergebnisse der 2. internationalen Geoblog-Umfrage (2009)

Online seit 18. Januar 2010 | Von Lutz Geißler

Geoblogs bieten eine vergleichsweise neue Kommunikationsform für die Geowissenschaften, deren Nutzung jedoch bislang in der Geo-Gemeinde wenig bekannt und erforscht ist. Nachdem 2008 durch Callan Bentley vom Northern Virginia Community College (USA) erstmals Daten über die Geoblogosphäre und bloggende Geowissenschaftler erhoben wurden, sollte im vergangenen Jahr eine deutlich umfangreichere Umfrage unter Geobloggern Bentleys Ergebnisse ergänzen. Ziel war es, den rapide wachsenden Kreis internetaffiner Geowissenschaftler zu charakterisieren und deren Motivation zum Geobloggen herauszuarbeiten. Die Umfrage konnte eine erfreulich hohe Rücklaufquote erzielen. 78 Geoblogger beteiligten sich. Diese Anzahl entspricht etwa 30% der Geoblogosphäre. Die hier vorgestellten Ergebnisse geben (aus Platzgründen) nur einen Ausschnitt der neuen Umfrageresultate wieder. Sie repräsentieren vor allem die englischsprachige Geoblogosphäre. In welchem Umfang im asiatischen oder afrikanischen Raum geowissenschaftlich gebloggt wird, ist weitgehend unbekannt.

Bezeichnend ist der sprunghafte Anstieg der Geoblog-Anzahl seit Ende 2007. Während zwischen Juni 2003 und März 2007 nur 30% der Umfrageteilnehmer einen Geoblog im Internet starteten, begannen die übrigen 70% der Geoblogger mit ihren Aktivitäten erst zwischen Ende 2007 und Anfang 2008 sowie im dritten und vierten Quartal 2009. Der typische Geoblogger ist männlich (78%), besitzt einen Bachelor- (22%), Master- (35%), PhD- (32%) oder einen jeweils vergleichbaren Abschluss, ist zwischen 25 und 40 Jahre alt (58%) arbeitet im außeruniversitären (ca. 64% der Antworten) oder universitären Umfeld (ca. 36%, je zur Hälfte Unimitarbeiter und Graduate Students) und wohnt in den USA (51%), in Deutschland (12%) oder Spanien (12%). Der Rest der Geoblogosphäre verteilt sich vor allem auf Südamerika (8%) und Italien (5%). Je ein Drittel der regelmäßigen Geoblogger verfasst einen oder mehrere Blogartikel pro Woche (36%) bzw. Monat (33%). Nur 13% der Blogger schaffen ein Pensum von einem oder mehreren Artikeln pro Tag. Rund 18% bloggen in unregelmäßigen Abständen.

Das Themenspektrum der Blogs bzw. Artikel ist vielfältig, wie auch die Anzahl der Antworten (n = 479) zeigt. Die vorderen Ränge belegen dabei Allgemeine Geologie (10% aller Antworten), persönliche Geo-Anekdoten (8%) sowie die Paläontologie (7%). Auch Themen aus der geowissenschaftlichen Bildung und Lehre (6%), Reiseberichte (6%) Artikel über die eigene Forschung (6%) und Exkursions- oder Geländetagebücher (5%) sind häufig vertreten. Einige Blogger widmen sich zudem wissenschaftspolitischen Fragen (5%). Weit abgeschlagen von der dominierenden Paläontologie rangieren die übrigen Fachthemen zwischen 0,5 und 5% der Antworten, angeführt von Geomorphologie, Klimaforschung und Sedimentologie. 65% der Geoblogs sind thematisch nicht nur auf reine Geo-Themen festgelegt. Immerhin enthalten aber fast 60% dieser Blogs zur Hälfte oder weitaus mehr geowissenschaftliche Inhalte.

Die Quelle der gebloggten Informationen liegt bei 28% der Antworten (n = 265) in der eigenen Forschungsarbeit, 23% lassen sich von der Forschung anderer Geowissenschaftler inspirieren (“research blogging”). Quell neuer Blogartikel sind außerdem Medienberichte (19%), andere Geoblogger (17%) und die Arbeit mit Kollegen (11%).
Eine der zentralen Fragen der Umfrage war jene nach der Motivation der Geoblogger. Aus den 494 Antworten lassen sich vier Hauptgründe für das Geobloggen extrahieren (Abb. 1): 1) Weitergabe des eigenen Wissens (13% der Antworten); 2) Versorgung der Leser mit eigenen Informationen (13%); 3) die Popularisierung der Geowissenschaften (12%); 4) Spaß und Freude (11%). Ein wichtiger Teil der Motivation (7-8%) wird aus der Verbesserung der eigenen Fähigkeiten gezogen (z.B. Schreibstil, wissenschaftliches Verständnis, Ausdrücken eigener Meinungen). Mit 2-6% der Antworten kommen vor allem Gründe zum Tragen, die die wissenschaftliche Kommunikation, das gegenseitige fachliche Feedback und Unterstützung betreffen. Wichtig ist vielen Geobloggern zudem, die eigene Forschungsarbeit für sich und andere dokumentieren zu können (6%).

Die Motivation der Geoblogger ist vielfältig. Einer ihrer Schwerpunkte ist aber eindeutig die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit für die Geowissenschaften.

Die Motivation der Geoblogger ist vielfältig. Einer ihrer Schwerpunkte ist aber eindeutig die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit für die Geowissenschaften.

Die Frage nach den positiven Aspekten der Geoblogosphäre wird nicht eindeutig beantwortet. Hier spielt eine Vielzahl von Faktoren eine Rolle. Mit je 10-13% der Antworten werden die schnelle Verbreitung von und der Zugang zu Neuigkeiten und Informationen, die angenehme Atmosphäre, die eigene Freude am Bloggen sowie das Kennenlernen neuer Sichtweisen als große Vorteile gesehen. Nur etwas weniger bedeutend (je ca. 7-9% der Antworten) sind den bloggenden Geowissenschaftlern aussagekräftige Diskussionen, die große Themenvielfalt und die breit gefächerte Leserschaft, das Knüpfen von Kontakten und der Aufbau eines persönlichen Netzwerks. Auch die gegenseitige fachliche Beratung und Unterstützung wird gelobt (5%).

Schon die große Anzahl der Antworten (n = 450) zeigt die Dominanz der Vorteile, die Blogger in der Geoblogosphäre sehen. Dem gegenüber stehen 135 Antworten, die die Nachteile betreffen. Als größtes Manko wird die bislang zu geringe Anzahl von Geobloggern (22% der Antworten) und von Geoblogs professioneller Geowissenschaftler angeführt (17%). Vielen Geobloggern fehlt zudem eine einfache Übersicht über die Geoblogosphäre (13%), wenngleich immerhin fast 30 % von ihnen einen Aggregator-Service nutzen, der den bislang erfolgversprechendsten Überblick bietet. Kritisch werden auch der vergleichsweise große Zeitaufwand (11%) und die geringe Blog-Aktivität in der Geländesaison (10%) gesehen.

Interessanterweise haben die wenigsten Geoblogger Angst vor dem Diebstahl wissenschaftlicher Ideen, die sie in ihrem Blog veröffentlichen (5% aller Antworten). Kritisch gesehen wird zudem, dass bestimmte Fachthemen nicht vertreten sind, zu wenige Frauen bloggen, das Geobloggen an sich unter der Mehrheit der Geowissenschaftler noch nicht anerkannt ist, die Mehrheit der Geoblogger aus dem angloamerikanischen Raum stammt und andere Regionen unterrepräsentiert sind und dass den Geobloggern in den Artikelkommentaren zunehmend kreationistischer Wind entgegenbläst, gegen den nur schwierig Stand zu halten ist. Als Manko wird auch das bislang oft geringe Feedback auf Blogartikel genannt. In Zahlen ausgedrückt zeigt sich dies besonders eindrucksvoll. 45% der Geoblogger erhalten im Durchschnitt weniger als einen Kommentar auf ihre Artikel. 18% von ihnen erhalten immerhin eine Anmerkung pro Beitrag, 32% sogar 2-5 Kommentare. Nur eine verschwindend geringe Minderheit kann mit 6-10 (3%) oder gar mehr als 20 Kommentaren pro Artikel (3%) aufwarten.

Von erheblichem Interesse für zukünftige Geoblogger dürfte die Frage nach dem Einfluss des Bloggens auf die Karriere sein. Immerhin 50% der Umfrageteilnehmer meinen, dass sich das Geobloggen positiv auf ihre Karriere auswirkt, 13% glauben weder an eine positive noch negative Wirkung und nur 3% sehen im Bloggen Nachteile für ihren beruflichen Werdegang. Von den 63% der Geoblogger, die die Reaktion ihres Arbeitgebers oder wissenschaftlichen Betreuers einschätzen können, geben immerhin 31% an, dass ihre Vorgesetzten das Bloggen positiv beurteilen. Nur 2% müssen mit Sanktionierungsmaßnahmen rechnen. Bei 35% der Blogger verhalten sich Vorgesetzte neutral und in 33% der Fälle ist ihnen das Geobloggen der Mitarbeiter gar nicht bekannt. Dass mit dem geowissenschaftlichen Bloggen eine gewisse Angst vor Vorgesetzten, vor nicht bloggenden Kollegen, aber auch von religiöser Seite verbunden sein kann, macht die Tatsache deutlich, dass fast ein Viertel der Geoblogger anonym bloggt.

Bleibt zu hoffen, dass das Bloggen in Zukunft noch stärker als ideales Werkzeug für den fachlichen, aber auch öffentlichkeitswirksamen, geodidaktischen Austausch von Informationen aus den Geowissenschaften Anerkennung erfährt. Dass inzwischen auch viele öffentlich finanzierte Einrichtungen bloggen (z.B. USGS, International Polar Year Blogs), ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Hinweis: Eine deutlich ausführlichere Besprechung und Analyse der Umfrageergebnisse wird demnächst in einem internationalen Fachjournal erscheinen. Wir geben dies zum entsprechenden Zeitpunkt hier im Blog bekannt.

3 Anmerkungen zu diesem Beitrag

  1. fj schrieb am 22. Januar 2010 um 00:29 Uhr :

    Danke für diese Zusammenfassung!

    Komisch, daß „nur“ 78 Blogger mitgemacht haben, ich hätte mehr erwartet, wo doch so viele neue Blogs dazugekommen waren. Immerhin ist es schon eine Steigerung gegenüber den 47 vom letzten Mal.

    Bin schon auf die Publikation gespannt.

  2. Flug schrieb am 8. Februar 2010 um 11:45 Uhr :

    Die Geowissenschaften haben definitiv ein wenig mehr Publicity nötig um die Öffentlichkeit ein wenig dafür zu sesibilisieren, was das Ziel unserer Arbeit ist und dass jeder Mensch dazu beitragen kann und in gewisser Weise auch muss!

  3. Hans Eckhard Offhaus schrieb am 27. November 2010 um 15:45 Uhr :

    Herzlichen Dank für die Informationen. Die Plattform schätze ich als eine sehr nützliche Möglichkeit zum Austausch und zur Verbreitung von wissenschaftlichen Ergebnissen und Erkenntnissen ein. Als ein Rentner und Hobbyforscher gibt es kaum bessere Möglichkeiten dazu. Deshalb mein Link auf die Plattform Miaplaza, wo ich mich bereits eingetragen habe!
    Diskussionen von Interessierten zu dem dargelegten Themen sind sehr erwünscht!

    Mit herzlichen Grüßen!

    Hans Eckhard Offhaus

2 Zitate zu diesem Beitrag

  1. EffJot - Erste Ergebnisse der Geoblog-Umfrage 2009 schrieb am 22. Januar 2010 um 00:42 Uhr :

    [...] 2009. Lutz Geißler hat sie umfangreicher auf Englisch bei geoberg.de und etwas kürzer auf Deutsch bei geonetzwerk.org zusammengestellt. Eine Veröffentlichung in einer noch nicht näher benannten Zeitschrift ist [...]

  2. Blogs als modernes Werkzeug der geowissenschaftlichen Öffentlichkeitsarbeit | geonetzwerk.org schrieb am 14. Oktober 2010 um 16:10 Uhr :

    [...] im Herbst 2009 durchgeführte Studie zum Stand der internationalen Geoblogosphäre (n = 78; ca. 30% der damals bekannten Geoblogosphäre) gibt einen ersten Hinweis auf das [...]

Schreiben Sie eine Anmerkung zum Beitrag

Sponsor werden

LINKS

LINKTIPPS

  • USA Reise zu den historischen Städten und Nationalparks mit Millionen von Jahren alten Felsformation Amerikas...