Paläontologie

... der Evolution auf der Spur

Michael Buchwitz

Wer bist du, woher kommst du, wo und was hast du studiert, wo bist du zurzeit tätig?
Mein Name ist Michael Buchwitz. Ich komme aus Berlin und habe von Ende 2001 bis 2007 in Freiberg (Sachsen) Geologie/Paläontologie studiert. Dieses Studium habe ich mit einer Diplomarbeit zum Thema "Oberflächendeformation und quartäre Entwicklung des Lake-Beseka-Beckens in Äthiopien" abgeschlossen. Zurzeit bin ich noch immer an der Freiberger Uni und schreibe eine Doktorarbeit zum Thema "Systematik, Stammesgeschichte und Paläobiologie der triaszeitlichen Landwirbeltierfauna von Madygen, Kirgisistan."

Du schreibst Deine Doktorarbeit zu einem paläontologischen Thema. Was ist Paläontologie und was sind deine Aufgaben als Paläontologe?
Paläontologie ist die Wissenschaft von den Fossilien - den Überresten und Spuren von Tieren und Pflanzen vergangener Erdzeitalter. Als Paläontologe untersuche ich Fossilien, um Aussagen über den Bildungsraum und das Alter des Gesteins, aus dem sie stammen, zu treffen und/oder weil ich aus dem Vergleich einer vorzeitlichen Lebewesen-Gruppe oder eines vorzeitlichen Ökosystems mit heutigen Lebewesen bzw. Ökosystemen klären möchte, wie die Evolution des Lebens und der Biosphäre abgelaufen ist und welche Prozesse dabei von Bedeutung waren.

Beschreibe uns bitte kurz einen typischen Tagesablauf während deiner Tätigkeit.
Sofern ich nicht zum Kartieren, zur Untersuchung fossilführender Gesteine oder zur (paläontologischen) Grabung im Gelände - z.B. in der kirgischen Steppe - bin, ist das Institut von vormittags bis spät abends mein Arbeitsplatz. Laborarbeiten schließen das nasschemische Herauslösen von Mikrofossilien aus Gesteinen oder die Freilegung und Präparation von Fossilen aller Größen und Formen ein. Zeitaufwendig kann auch das Mikroskopieren, d.h. die Beobachtung, Beschreibung und Vermessung, die Zeichnung und das Fotografieren von Fossilien oder dünnen Scheiben eines Gesteins (Dünnschliffen) unter dem Mikroskop sein. Meistens sitze ich jedoch vor dem Rechner - zur Literaturrecherche, zur Bearbeitung von Fotos und Bildern, zur statistischen Auswertung von Messdaten, zur Erstellung von Graphiken und Karten, zum Schreiben von Anträgen, Berichten und Veröffentlichungen (meist Artikeln für wissenschaftliche Fachzeitschriften).

Michael Buchwitz

Wozu ist deine Arbeit nötig und was für eine Rolle spielt sie für uns im täglichen Leben?
Fossilen, oftmals mikroskopisch klein, können unter anderem Auskunft darüber geben, ob eine Kohle zur Brikett- oder Koksherstellung geeignet ist oder ob ein Gestein Erdöl enthalten kann. Da viele Fossiliengruppen für eine Zeit oder für einen bestimmten Lebensraum typisch sind, kann ich mit Hilfe dieser Fossilien nach Gesteinen suchen, in denen sich z.B. Erdgas, Erdöl oder Kohle gebildet oder angereichert haben. Mich interessiert jedoch neben der geologischen besonders auch die biologische Seite der Fossilien: Wie ist unsere Welt zu dem geworden, was sie ist? Auch wenn sich manch einer diese Frage nicht täglich stellt - Paläontologen können zu vielen Einzelaspekten eine Antwort geben. Ebenso zu der Frage, was mit der Lebewelt passieren kann, wenn sich das Klima und andere Umweltfaktoren kurzfristig oder langfristig dramatisch verändern. Ein Großteil der paläontologischen Forschung ist Grundlagenforschung, deren Ergebnisse für eine Gesellschaft nicht immer von unmittelbarem Wert ist und deren Konsequenzen nicht unmittelbar abzusehen sind (mittelmäßige Hollywood-Filme einmal ausgenommen). Als im 19. Jahrhundert Biologen mit Hilfe von Fossilien die Wandelbarkeit der Lebewesen im Verlauf langer Zeiträume begriffen und die Ursachen erforschten, stand die Konsequenz, dass Menschen dereinst mit Hilfe der Gentechnik Lebewesen in großem Maße künstlich verändern würden, noch in den Sternen.

Siehst du Vor- und/oder Nachteile Deiner Tätigkeit?
Paläontologen gehören angeblich zu den glücklichsten Menschen der Welt - sie machen genau das, wovon sie schon als Kind geträumt haben. Die Nachteile? Grundlagenforschung kann brotlos sein und mitunter muss man weit ausholen, um anderen die Nützlichkeit aufzuzeigen. Wer sich nicht an erster oder zweiter Stelle in seiner Arbeit selbst verwirklichen möchte, nicht bereit ist, im Ausland zu arbeiten, in Englisch zu denken und sich im nationalen und internationalen Wettbewerb mit anderen zu messen, wird wohl früher oder später auf andere geowissenschaftliche Tätigkeiten ausweichen. Nach dem Studium und der Doktorarbeit ist man zunächst oft befristet (und mäßig gut bezahlt) beschäftigt und es kann sich als schwierig erweisen, einen dauerhaften Job an einer öffentlichen Forschungs- und Lehranstalt zu finden. Wer jedoch von Erkenntnisdrang getrieben ist, lässt sich auf solche Schwierigkeiten ein.

Warum interessierst Du Dich für die Geo- und Montanwissenschaften bzw. wie bist Du darauf gestoßen?
Im Jahr 1990 geriet ich durch eine Großcousine aus Westberlin in Kontakt mit Büchern über Fossilien und Dinosaurier. Hätte ich mich von meinen Erfahrungen in Erdkunde und den naturwissenschaftlichen Schulfächern beeindrucken lassen, wäre ich wohl nicht Diplom-Geologe geworden. Bis zum Studium widmete ich mich vor allem dem Lesen interessanter Bücher und hatte ein eher theoretisches Interesse für die Paläontologie. Erst in meiner Freiberger Studienzeit habe ich die geologische Geländearbeit kennen (und schätzen) gelernt.

Wenn Du Die Möglichkeit hättest, würdest Du eine andere Berufsrichtung wählen?
Ich möchte gern andere Standpunkte als die des Geologen oder Paläontologen kennen lernen: Wie sehen z.B. Biologen, Physiker, Mathematiker, Datenanalytiker, Erkenntnistheoretiker, Bildende Künstler, Geschichtenerzähler, Theologen, Ökonomen oder Sozialwissenschaftler ein Problem aus den Geowissenschaften? Kann ich daraus Lösungsansätze oder alternative Herangehensweisen ableiten? Gleichwohl fiele es mir schwer, mich von den Objekten meines wissenschaftlichen Interesses zu trennen - ein Beruf mit völlig anderen Inhalten und Zielen käme für mich nicht infrage.

Vielen Dank!

(Foto © Michael Buchwitz)

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