Bergbau

... weltweit zuhause

Lutz Geißler

Wer bist du, was und wo hast du studiert und wo bist du gerade beruflich tätig?
Ich bin Thomas Kaltschmidt und habe von 2002 bis 2007 an der TU Bergakademie Freiberg Bergbau studiert. Im Sommer 2006 habe ich ein dreimonatiges Praktikum bei Anglo Coal Australia gemacht. 2007 war ich nochmals beim gleichen Unternehmen, um vier Monate lang meine Diplomarbeit über den Steinkohlentagebau in Australien zu schreiben. Seit 2008 bin ich als Diplomingenieur bei Anglo Coal Australia angestellt.

Du hast Bergbau studiert. Was können wir uns darunter vorstellen?
Ein abwechslungsreiches Ingenieursstudium mit Einblicken in viele verschiedene Disziplinen, zum Beispiel Geologie/Mineralogie, Maschinenbau/Konstruktionslehre, allgemeine und spezielle Betriebswirtschaftslehre, Elektrotechnik, Arbeitssicherheit, Bergrecht und Umweltrecht, Boden- und Gebirgsmechanik, Geophysik, Aufbereitung mineralischer Rohstoffe, Markscheidetechnik, Bohr- und Sprengtechnik und noch mehr. Mathe, Physik und Chemie bilden die Grundlage. Ohne die praktische Ausbildung an der Uni, im Lehrbergwerk, in den Bergwerksbetrieben und auf Exkursionen würde man die Dimensionen des Gesamtsystems Bergwerk gar nicht erfassen. Letztendlich wird man zum Technologen oder Planungsingenieur ausgebildet, der in Größenordnungen von Superlativen arbeitet, wie sie sich ein Außenstehender nur sehr schwer oder kaum vorstellen kann.

Du hast gesagt, du arbeitest in einem Steinkohlentagebau in Australien. Was sind dort deine Aufgaben?
Während meiner Diplomarbeit habe ich mich an eine Machbarkeitsstudie gewagt, die eine Erweiterung der Produktion vorsieht und über mehr als 20 Jahre laufen soll. Dabei ging es anfangs um die Geologie, um festzustellen, wie viel Rohstoff vorhanden ist. Danach wurden die technische Realisierbarkeit sowie Abbaumethode und die Wirtschaftlichkeit geprüft.
Nun komme ich in die Tages- bzw. Wochenplanung der Stabsabteilung des Tagebaus. Aus der Langfristplanung heraus wird ein 2-Jahresplan erstellt. Der Detaillierungsgrad der Pläne wird erhöht. Täglich werden daraus Pläne erstellt und den Produktionsleuten übergeben, damit beispielsweise der Maschinenführer weiß, wo die Bohrlöcher für die nächste Sprengung angesetzt werden sollen. Ich muss mit meinen Kollegen dafür sorgen, dass die kostenintensive Großgerätetechnik nicht zum Stillstand kommt.

Schlicht gefragt: Wozu brauchen wir deine Arbeit bzw. wozu brauchen wir überhaupt Steinkohle?
Ein Steinkohlebergwerk ist ein Großbetrieb mit 1000 oder mehr Beschäftigten bei einer Produktion von mehreren Millionen Tonnen Kohle pro Jahr. Ohne einen ausgeklügelten Plan läuft da nichts. Schon Georgius Agricola stellte im 16. Jahrhundert fest, dass der Bergbau nicht eines (einzigen) Mannes Sache ist.
Es gibt zwei wesentliche Anwendungsbereiche der Steinkohle: zum einen dient sie der Energieerzeugung und Verstromung, zum anderen ist sie notwendig für die Stahlherstellung. Stahl und Strom sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Es gibt auch andere Energieträger. Aber bei der Steinkohle wissen wir, dass sie selbst bei erwartet starkem Bevölkerungswachstum auf der Erde für die nächsten paar Jahrhunderte reicht.

Bist du während deiner Arbeit auch mit Umweltfragen konfrontiert und wurden solche Fragen auch im Studium vermittelt?
Bergbau ist ein nachhaltiger Eingriff in die Umwelt. Die Fläche kann vorher anderweitig schon verwendet worden sein, etwa als Ackerland. In der Nähe könnte ein Fluss fließen, der der Trinkwassergewinnung dient, oder Anwohner sehen sich in ihrer Ruhe gestört. Diese und andere ähnliche Probleme werden vor Produktionsbeginn in einer Umweltverträglichkeitsstudie gelöst. Nach Beendigung des Bergbaus wird die in Anspruch genommene Fläche rekultiviert und renaturiert. Zahlreiche Möglichkeiten der weiteren Nutzung ergeben sich. Umweltschutz ist im Berggesetz sowie in zahlreichen für den Bergbau zuständigen Umweltgesetzen fest verankert. Diese Fragestellungen werden im Studium behandelt, da sie den Planungsprozess erheblich beeinflussen können, insbesondere in dicht besiedelten Gebieten.

Warum Australien?
Während eines internationalen Kurses in meinem Studium habe ich mich in London bei den Hauptverwaltungen der großen Bergbauunternehmen für ein Praktikum beworben. Da überall auf der Welt Fachkräftemangel vorherrscht und nur wenige Studenten antizyklisch zur Weltwirtschaft studieren, befinde ich mich zurzeit in der positiven Situation, dass mir zahlreiche interessante Jobs angeboten werden. Nach bestandenem Interview folgte der erste Vertrag. Ich konnte meine Qualifikation und meine Fähigkeit in englischer Sprache unter Beweis stellen mit dem Resultat, dass der Fortsetzungsvertrag nur noch Formsache war. Für mich entscheidende Kriterien für das Land waren weiterhin der Lebensstandard, das Sicherheitsgefühl und die Lebensart.

Wer oder was hat dich überhaupt zum Bergbau gebracht?
Als Gymnasialschüler bekamen wir unterrichtsfrei, wenn die TU Bergakademie Freiberg ihren Tag der offenen Tür abhielt. Ich nutzte dieses Angebot mit der Prämisse: ich suche etwas, das mit der Erde und Technik zu tun hat. So war für mich frühzeitig klar, dass Geotechnik und Bergbau der ideale Studiengang war. Das erste Industriepraktikum in der vorlesungsfreien Zeit nach dem ersten Semester überzeugte mich auf Anhieb, dass die Studienrichtung Bergbau das Richtige für mich ist. Die 5 weiteren Praktika in der Industrie sowie die unzähligen Exkursionen bestätigten, dass ich mich in meinem anfänglichen Enthusiasmus nicht getäuscht habe. Weiterhin reizt die Vielfalt, die mir das Studium erlaubt hat. Sei es Tagebau oder Tiefbau, sei es Erz oder Kohle oder Steine/ Erden, Erschließung, Produktion, Rekultivierung - es gibt viele Möglichkeiten in der Rohstoffindustrie und viele Arbeitsplätze in der ganzen Welt. Und das ist es, was mich an diesem Beruf so begeistert.

Vielen Dank!

Die Initiative "Wir sind überall" wird vom Netzwerk für geowissenschaftliche Öffentlichkeitsarbeit betreut und kooperiert mit

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