Energie aus der Ferne
Ein Erdölgeologe berichtet aus Aserbaidschan
Erdölgeologe Jörg Lück berichtet über seine Erlebnisse mit Land und Leuten Aserbaidschans und gibt nebenbei interessante Einblicke in das spannende und gleichzeitig anstrengende und außergewöhnliche Leben als Erdölgeologe.

Ich werde oft gefragt, in welchem Land ich denn im Moment arbeite. Meistens bekomme ich auf meine Antwort ein: "Wie bitte? Wo ist das denn? Kenn ich nicht!" zu hören. Bei meinem derzeitigen Einsatzort handelt es sich ja auch nicht unbedingt um ein beliebtes und bekanntes Touristenziel.
Aserbaidschan ist eher für Unruhen im Kaukasus und dessen Hauptstadt Baku für einem James Bond-Film bekannt. Insider wissen natürlich auch, dass Baku die Geburtsstadt von Garri Kasparov, dem Schachgroßmeister ist. Immerhin fliegt Lufthansa die Stadt vier oder fünf Mal die Woche direkt von Frankfurt aus an. Nach viereinhalb bis fünf Stunden Flugzeit plus der drei Stunden Zeitverschiebung bin ich da - in einem Land zwischen Orient und Okzident. Nach einer knappen halben Stunde Fahrt auf dem breiten Heydor Oliyev Boulevard, erreiche ich Bakus Innenstadt. Erstaunlich hell ist es, bunte Lampen schmücken die Anlagen vor den großen Gebäuden und Plätzen. Manchmal wirkt alles etwas kitschig. Es ist natürlich Geschmackssache, hellgrüne und rosafarbene Lämpchen in den Büschen und Bäumen zu platzieren, aber angeblich hat sich der Bürgermeister damit viele Freunde unter der einheimischen Bevölkerung gemacht. An großen Gebäuden vorbei und über breite Straßen geht es weiter. Es ist spät am Abend, und es ist recht ruhig auf den Straßen. Ich werde aber noch früh genug erfahren, was für ein Verkehrchaos hier tagsüber herrscht.
Die Welt ist ein Dorf
Mein Fahrer bringt mich zum "Crescent Beach Hotel". Das Hotel liegt außerhalb der Stadt, direkt am Strand des Kaspischen Meeres.
Ein, zwei Bierchen und dann ins Bett, denke ich, während ich ein "Corona" bestelle, morgen wird es ein langer Tag werden. "Hallo Jörg, was machst du denn hier?" höre ich jemanden rufen. Ich drehe mich um und sehe genau in das breite Grinsen eines Kollegen, den ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Das zu meinem Plan mit den ein zwei Bierchen und zeitig ins Bett.
Über 100 Jahre Ölgewinnung
Am nächsten Morgen, oder besser am späten Vormittag, sehe ich mich etwas um, während ich auf den Fahrer warte und die Aspirin wirken lasse. Am Horizont sehe ich mehrere alte, sowjetische Semisubmersible Drilling Rigs [Anm.: Erdölerkundungsplattformen] in den Fluten "rumdümpeln". Verschrottung auf aserbaidschanisch. Etwas weiter in der Bucht stehen fünf Jack-Ups [Anm.: Hebebohrinseln] im Wasser, auch zur Verschrottung. Der Trend geht zu großen, modernen Plattformen. Da ist kein Platz mehr für die alten Bohranlagen, sowjetischer Bauart. Die alten, rostigen Dinger haben ausgedient. Es gibt nur noch wenige von den alten Bohranlagen, die für die aserbaidschanische Ölgesellschaft bohren, ohne jeglichen Sicherheitsstandard.
Von unserer Base, die auch außerhalb der Stadt liegt, muss ich wenig später in die Innenstadt, zum Haupsitz der Firma fahren, um einige Unterlagen zu unterschreiben. Es geht an den über 100 Jahre alten Ölfeldern vorbei, aus denen immer noch gefördert wird. Pumpe steht neben Pumpe, Bohrturm neben Bohrturm - ein Wald aus Stahl und sich auf- und ab bewegenden Schwengelpumpen.

Bildinfo Altes Ölfeld in Baku.
Der Deutsche und die Autos
Die Fahrt durch das Verkehrsgetümmel von Baku ist abenteuerlich. Wracks auf Rädern, russische Wolgas und die allgegenwärtigen Ladas geben sich ein Stelldichein. Ich bin aber überrascht, wie viele BMW und Mercedes Benz-Limousinen durch die Straßen fahren, sogar einen Hummer habe ich gesehen. Immer wieder werde ich gefragt, schließlich bin ja Deutscher, was ich von BMW und Mercedes halte. Meine Erwiederung, dass ich mir absolut nichts aus Autos mache und nur einen VW Passat fahre, wird mit Fassungslosigkeit und sichtlicher Enttäuschung quittiert. Als Deutscher muss man sich anscheinend als BMW- oder Mercedes-Fan "outen". Kreuz und quer geht es durch die Stadt. Auf zweispurigen Straßen quälen sich Dreier- und Viererreihen von Autos. Ampeln dienen nur der Dekoration, und jeder Fußgänger schwebt in akuter Lebensgefahr, wenn er die Straße überqueren möchte. Hier gilt die Macht des Stärkeren, und als Fußgänger hat man nichts zu bestellen. Sogar durch die Altstadt, der "Old City" brummen Autos und LKW. Schade, denn die Altstadt mit der alten Stadtmauer, den Türmchen und dem "Maiden Tower" (wohl das Wahrzeichen Bakus) ist wirklich sehenswert und schön restauriert.

Bildinfo Die Altstadt von Baku.
Wie in Irland
Am nächsten Tag mache ich einen Bummel durch die Innenstadt Bakus. Vom "Fountain Square", einem großen, terrassenförmigen Platz, mit vielen Brunnen und Wasserspielen, gesäumt von Pinien, gelange ich direkt in die Fußgängerzone. Überall wuseln kleine Spielzeug-Elektroautos, die von Kindern gefahren werden, herum. Am Mc Donald's geht es am "open air Basar" vorbei. Dort habe ich von einem Russen gute, alte Vinyl Jazz- Schallplatten von Gerry Mulligan, Count Basie etc. erstanden. Mittlerweile bin ich bei ihm Stammkunde und wir begrüßen uns wie alte Freunde. Die Fußgängerzone bietet aber sonst nichts besonderes, wenn man vielleicht von den DVD-Shops absieht, in denen man alles an Raubkopien finden kann, was es gibt: Filme, Playstationprogramme, Software, einfach alles. In den Seitenstraßen gibt es reichlich Kneipen und Restaurants. Jetzt weiß ich auch, warum Baku den Beinamen "Little Aberdeen" trägt. Schottische und englische Bars überall und überwiegend Schotten darin. Eine Ölstadt ist und bleibt eben eine Ölstadt. Allerdings vermeide ich es, in eine der Kneipen zu gehen, zu groß ist das Risiko, mal wieder einen alten Bekannten zu treffen, denn wie das endet, weiß ich mittlerweile.
Auf dem Weg zur Ölplattform
Tags darauf muss ich auf die West-Azeri-Plattform zum Arbeiten. Am frühen Morgen werde ich nach Zabrat, dem Heliport gefahren. Der Heliport liegt in der Nähe des Flughafens, ca. eine halbe bis dreiviertel Stunde Fahrzeit vom Hotel entfernt.
In den Außenbereichen der Stadt ist es bedeutend ärmlicher und schmutziger als im Zentrum. Allgegenwärtig ist der feine Sand und Staub, und überall sind ältere Frauen damit beschäftigt, mit ausgefransten Reisigbesen die Straßen zu fegen, was bei der ständigen Brise allerdings ein recht aussichtsloses Unterfangen darstellt. Anscheinend handelt es sich dabei um Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, denn die Frauen tragen alle eine städtische Arbeitsweste. Auch hier fahren wir durch alte Ölfelder. Das Gelände gleicht einer Mondlandschaft, irgendwo werden Reifen verbrannt, es stinkt, Kinder spielen im schwarzen Schlamm. Rechts an der Straße wartet unter einem Schleppdach ein Rind auf seine Schlachtung. Ein paar Häuser vorher hat es der Kollege schon hinter sich - in zwei Hälften geteilt, hängt das tote Tier am Haken über dem staubigen Fußweg - ihm werden gerade die Eingeweide herausgenommen. Ein paar Kilometer weiter baumelt an einem Horn der Kopf eines Rindes hin und her - die Zunge hängt weit aus dem offenen Maul heraus. Daneben wird eine Schafherde über die Straße zum Schlachter getrieben, und neben ihren Autos warten Bauern auf Kunschaft für ihre Melonen, Pfirsiche und dergleichen. All das wird direkt aus dem Kofferaum verkauft.

Bildinfo Die Öl-Plattform "West-Azeri" im Kaspischen Meer.
Zehn Minuten später bin ich in Zabrat. Die Wartehalle des Heliports ist brechend voll. Überall sehe ich Azeri mit vollen Taschen, Tüten und Koffern. Schwarz ist die Farbe dieses Morgens, denn fast alle Menschen sind in schwarz gekleidet. Die charakteristische schwarze Lederjacke hat hier jeder an. Ich muss wohl ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt haben, denn ein Engländer kommt auf mich zu und erklärt mir, dass das die Arbeiter sind, die auf den aserbaidschanischen Anlagen arbeiten und nicht auf den BP-Platformen, so wie wir. Ich komme aus dem Staunen echt nicht heraus, da hat einer tatsächlich einen Karton mit Eiern in seinem Gepäck. Schließlich checke ich ein. Gepäck wird durchleuchtet und dann muss ich zum Alkoholtest. BP versteht hinsichtlich Alkohol auf den Bohr-und Förderanlagen keinen Spaß. Wer über 0,0 Promille hat, fliegt - allerdings nicht auf die Plattform, sondern raus aus der Firma.
Nach Hause
Vier Wochen später lande ich wieder in Zabrat. Der Off-Shore-Trip ist zu Ende, mein Flug nach Hause geht morgen früh. Wir waren zu siebt in der kleinen Sikorky S-76, die uns an Land gebracht hat. Im Bus, der uns zum Terminal bringt, ist die Stimmung bei strahlendem Sonnenschein und bei guter Musik aus dem Radio super gut. Hinter mir höre ich Gareth, den Bohrlochgeologen, murmeln: "I hate my job, I love my job, I hate my job, I love my job." [Anm.: "Ich hasse meinen Job, ich liebe meinen Job, ..."] So geht es mir auch alle vier Wochen. Du fliegst weg, dann ist es der schlimmste Job, den es gibt, vier Wochen später dann der beste Job der Welt. Ich freue mich auf zu Hause, auf meine Familie, meine Frau, die Jungs, den regnerischen November, das Celtic Inn in Burgdorf und natürlich auf die AWD-Arena, wenn die Roten wieder spielen.
Bis es dann in 4 Wochen wieder heißt: "Was? Wohin fliegst du? Nach Baku? Wo ist das denn?"
Die Initiative "Wir sind überall" wird vom Netzwerk für geowissenschaftliche Öffentlichkeitsarbeit betreut und kooperiert mit
© 2006-2011 Netzwerk für geowissenschaftliche Öffentlichkeitsarbeit : : Impressum & Datenschutz





